Alexander Pinwinkler
Historische Bevölkerungsforschungen. Deutschland und Österreich im 20. Jahrhundert
Göttingen
Wallstein
2014
537 S
€ 47,30
Habilitationsschrift [2012], Universität Wien
Rezensent: Michael Pammer
Historicum, N. F. I—II, 4—9
Zufällig ergibt es sich, daß in dieser historiographiegeschichtlichen Schwerpunktausgabe auch die Habilitationsbesprechung einem wissenschaftshistorischen Band gewidmet ist. Der Salzburger und Wiener Historiker Alexander Pinwinkler hat für die vorliegende Untersuchung 2012 an der Universität Wien die Lehrbefugnis für Zeitgeschichte erhalten.
Der Band befaßt sich mit demographischen Forschungen in historischer Perspektive in verschiedenen Spielarten und ist kenntnisreich und äußerst detailliert geschrieben. Der zeitliche Schwerpunkt der Untersuchung liegt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Hauptquelle ist die reichhaltige bevölkerungsgeschichtliche Literatur, dazu kommen Nachlässe einiger Bevölkerungsforscher und einige universitäre Archivalien.
Im ersten der drei Teile des Bandes gibt Pinwinkler einen Überblick über Forschungsfragen, Thesen, Begriffe und Methoden. Der zweite Teil befaßt sich in acht Kapiteln jeweils mit zwei wichtigen Bevölkerungsforschern: Karl Julius Beloch und Karl Bücher, Rudolf Kötschke und Adolf Helbok, Johannes Hohlfeld und Friedrich von Klocke, Hermann Wopfner und Hans Kinzl, Hermann Aubin und Erich Keyser, Gunther Ipsen und Werner Conze, Wilhelm Abel und Günther Franz, Wolfgang Köllmann und Arthur E. Imhof. Im dritten Teil geht es um die Verankerung des Forschungsgebiets an Universitäten, um das Auftreten auf den Internationalen Historikerkongressen und auf Tagungen sowie um die Zeitschriften. Das hauptsächliche Interesse des Autors ist der Nachweis völkisch-rassistischer Positionen von Bevölkerungsforschern, ihrer Nähe zum Nationalsozialismus und der Nutzung von Ergebnissen der Bevölkerungsforschung für den Krieg und die Verbrechen insbesondere gegenüber der osteuropäischen Bevölkerung.
Themen der Bevölkerungsforschung
Im ersten Teil des Bandes resümiert Pinwinkler die Themen der Bevölkerungsforschung, ihre Annahmen über demographische Abläufe und die politischen Implikationen der Ergebnisse. Manche der Themen hatten eine lange Geschichte, bestimmte Aspekte wurden erst im 20. Jahrhundert besonders wichtig.
Seit langem und mindestens schon im 18. Jahrhundert befaßten sich Bevölkerungsforscher mit der Frage des Verhältnisses von natürlichen Ressourcen, Bevölkerungszahl und Institutionen. In den dafür entwickelten Gleichgewichtsmodellen stellt die natürliche Umwelt Ressourcen für eine Bevölkerung in bestimmter Größe bereit, Abweichungen von dieser Bevölkerungszahl verstand man als ›Übervölkerung‹ oder ›Untervölkerung‹. Hintergrund war eine Wirtschaft mit einem großen Anteil der Landwirtschaft und einer zunächst noch geringen Produktivität, in der das Verhältnis zwischen Bevölkerung und natürlichen Ressourcen tatsächlich große Bedeutung hatte (die Verhältnisse änderten sich mit dem beträchtlichen Produktivitätswachstum im Lauf des 19. Jahrhunderts). In modifizierter Form findet man solche Konzepte noch in der jüngeren wirtschaftshistorischen Forschung.
In der früheren Bevölkerungsforschung ging es noch ganz direkt um Überleben und Verhungern, aber auch schon um die institutionellen Voraussetzungen und Implikationen des demographischen Geschehens. Daß die technische Entwicklung oder auch institutionelle Gegebenheiten wie etwa die Funktionsfähigkeit des Marktes die Verfügbarkeit von Ressourcen mitbestimmten, wurde von frühen Bevölkerungstheoretikern selbstverständlich bedacht, ebenso daß die Bevölkerungszahl von institutionellen Faktoren mitbestimmt wurde, zum Beispiel von Normen für die Verehelichung und für Besitzrechte insbesondere an Grund und Boden, von Erbregelungen und so weiter. Daß solche Normen nicht überall gleich waren, war offenkundig, ebenso daß diese Unterschiede auch mit ethnischen Merkmalen zusammenhingen. Auch im demographischen Ergebnis, etwa bei der Zusammensetzung von Familien, bei der Wachstumsrate der Bevölkerung oder der Altersgliederung, waren Zusammenhänge mit ethnischen Merkmalen einer Untersuchung zugänglich und wurden thematisiert.
Das wichtigste Merkmal für die Definition der ethnischen Zugehörigkeit war normalerweise die Sprache, im Ausnahmefall auch die Konfession. Daß die Konfession relevante institutionelle Bedingungen (etwa für die Verehelichung) mitbestimmen konnte, war plausibel. Bei der Sprache ist dies weniger klar, da es an sich keinen Grund gibt, warum eine bestimmte Sprache mit bestimmten demographischen Bedingungen zusammenhängen soll. Trotzdem ist es evident, daß sich Sprachgruppen hinsichtlich Fertilität, Altersaufbau und Familienstandsgliederung voneinander unterschieden.
Diesen Hintergrund muß man bedenken, wenn man sich mit den politischen und ideologischen Weiterungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befaßt. Pinwinkler macht allerdings nicht deutlich, ob er überhaupt eine klare Grenze zwischen schlichter demographischer Tatsache einerseits und Ideologie andererseits zieht. Man erhält den Eindruck, daß er die Vorstellungen von ›Über-‹ und ›Untervölkerung‹ und vom Zusammenhang zwischen Ethnizität und demographischen Vorgängen von vornherein in erster Linie als ideologische Konstrukte auffaßt. Tatsächlich handelt es sich aber um Angelegenheiten, die man gut beobachten und nüchtern analysieren und diskutieren kann, was eine Reihe von Autoren auch schafften. Daran ändert der Umstand nichts, daß es außer solchen sachlichen Analysen auch vorgeblich wissenschaftliche Untersuchungen gab, die tatsächlich nichts anderes als ideologisch geprägte Tendenzliteratur mit politischem Zweck waren. Ein typisches Beispiel sind die Vorstellungen vom ›Lebensraum‹ und das damit verbundene expansionistische Programm.
Ideologisch war auch die biologistische und rassistische Interpretation der ethnischen Unterschiede, also die Vorstellung, daß eine ethnische Gruppe, die Bevölkerung einer Region et cetera nicht bloß ein nach gewissen sozialen Variablen definiertes Aggregat von Individuen, sondern auch biologisch definiert sei, also eine gemeinsame Abstammung und eine weitgehend einheitliche genetische Ausstattung aufweise. Die Frage, ob eine regionale Bevölkerung genetisch von der Bevölkerung einer anderen Region unterschieden werden kann, ist zwar an sich nicht unzulässig und wird auch heute noch in vielen Studien untersucht. In solchen Studien werden bestimmte charakteristische Abschnitte der DNA untersucht und die Häufigkeit bestimmter Typen verglichen. Da bekannt ist, wie solche Merkmale vererbt werden, lassen sich so beispielsweise die Auswirkungen von Endogamie oder von vergangenen Migrationsvorgängen ihrem Ausmaß und Verlauf nach abschätzen.
Im Gegensatz zu diesen aktuellen genetischen Untersuchungen, die auf einer adäquaten Methodik aufbauen, waren ähnliche Bemühungen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert meist reine Spekulation mit ideologischem Zweck, da der damalige Stand der Biologie ja gar keine Untersuchungen auf der Ebene der DNA erlaubte und die verwendeten Methoden (Messungen der Körperproportionen, der Pigmentierung der Haut und ähnliches) insuffizient waren. Der einzige Ansatz jener Zeit, der eine begrenzte Möglichkeit bot, den Grad der gemeinsamen Abstammung in einer Bevölkerung festzustellen, bestand in historisch-genealogischen Untersuchungen, also der Rekonstruktion von Verwandtschaftslinien zum Beispiel auf der Grundlage von Personenstandsbüchern. Das war indessen ein äußerst mühsames Verfahren, das nicht leistungsfähig genug war, um Behauptungen über ein genetisch definiertes ›Volkstum‹ begründen zu können.
Diese Behauptungen hatten also keine wissenschaftliche Grundlage. Die biologistischen Vorstellungen von ›Volk‹ führten zu weiteren Spekulationen, die ebenfalls eine bloß ideologische Angelegenheit waren: Ein so verstandenes ›Volk‹ würde quasi einen eigenständigen ›Organismus‹ bilden, ein solcher ›Volkskörper‹ würde zwischen ›eigen‹ und ›fremd‹ unterscheiden, und in diesem Sinn gebe es auch eine ›Vermischung‹ mit dem potentiell schädlichen ›Fremden‹; diese Ideen reichen ins 19. Jahrhundert zurück. Ethnische Unterschiede in Familienstrukturen und Fertilität wurden auch als ›Volkstumskampf‹ aufgefaßt, und solche Vorstellungen prägten dann auch den Begriff von einem Raum, der direkt dem dazugehörigen ›Volk‹ zugeordnet sei.
Wie schon festgestellt, unterscheidet Pinwinkler nicht klar zwischen methodisch akzeptablen und wissenschaftlich adäquaten Untersuchungen einerseits und Tendenzliteratur mit politischem Zweck andererseits. In gewisser Weise wirkt alles als mehr oder weniger verdächtige ›Konstruktion‹ und ›Inszenierung‹. Beispielsweise werden kartographische Darstellungen demographischer Vorgänge von vornherein als »Kartographische Inszenierungen« betitelt. Unter der Überschrift »Kartographische Imaginationen von ›Stamm‹, ›Volk‹ und ›Rasse‹« (94) stellt der Autor fest: »In volkshistorischen Kartographien erweiterten spezifische essentialistische Kollektivbegriffe wie ›Stamm‹, ›Volk‹ oder ›Rasse‹, die sich semantisch eng an den Begriff ›Bevölkerung‹ anschließen ließen und die jenen auch substituieren konnten, die engere bevölkerungsstatistische Bestimmung von ›Bevölkerung‹. So war z. B. anstatt von ›Bevölkerungszahl‹ häufig von der ›Volkszahl‹ die Rede; anstatt von ›Bevölkerungskarten‹ wurde von ›Volks- und Sprachenkarten‹ oder ›Volkstumskarten‹ gesprochen.« (95)
Gleichlautende Begriffe müssen aber nicht immer dasselbe bedeuten. Der Begriff Volkszahl würde in einer heutigen demographischen Studie seltsam klingen, wurde aber in der Vergangenheit in einem Teil der Literatur neutral im gleichen Sinn wie Bevölkerungszahl oder andere Begriffe gebraucht. Beispielsweise verwendet der Berliner Historiker und Staatswissenschaftler Ignaz Jastrow (1856—1937) in seiner Untersuchung über spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Städte bereits im Titel das Wort »Volkszahl«. Im Text schreibt er mehrmals »Bevölkerungszahl« oder »Bevölkerungsziffer«, viel häufiger aber »Volkszahl« und am häufigsten »Kopfzahl«, womit er jeweils die Zahl der anwesenden Personen meint.1 Er verwendet sogar den ›spezifischen essentialistischen Kollektivbegriff‹ Volk: »Die meisten der eben genannten Versuche gehen davon aus, daß ein Teil des Volkes bekannt ist, und unternehmen es, aus dem bekannten Teil das Ganze zu berechnen.«2 Sicher, Jastrow hätte hier ›Bevölkerung‹ schreiben können (was er sonst meistens tut), aber er hat »Volk« geschrieben und damit das gleiche gemeint. So etwas gibt es, es macht Jastrows Buch nicht schlechter und diesen unverdächtigen Autor nicht verdächtig.
Politische ›Instrumentalisierung‹
Daß es auch zwischen 1933 und 1945 Bevölkerungsforscher gab, die keine rassistischen Arbeiten, sondern seriöse und diskutable Studien verfaßten, ist Beobachtern immer schon aufgefallen. Aus der Sicht Pinwinklers gehören solche Arbeiten dennoch in den Kontext von Rassismus und Unterdrückung, weil sie von der nationalsozialistischen Regierung ›verwendet‹ werden konnten. Ein typisches Beispiel ist Helmut Haufes Habilitationsschrift Die Bevölkerung Europas.3 Pinwinkler dazu: »Seine prozessuale Deutungsweise von ›Bevölkerung‹ lehnte sich an die Semantik der ›Peuplierungspolitik‹ an und wies dem (nationalsozialistischen) Staat die maßgebliche Rolle bei der Steuerung der Bevölkerungsbewegung zu. Armin Tille, der die ›Nüchternheit‹ dieser Schrift in einer Sammelbesprechung zu ›Rasse und Geschichte‹ besonders hervorhob, lobte Haufe dafür, dass dieser sich bemüht habe, ›überall auch für die Juden‹ aufgrund der Konfessionsstatistiken ›die besonderen Zahlen beizubringen‹. [Fn.] Haufe ist daher ein treffliches Beispiel für das symbiotische Verhältnis von rassistischen bevölkerungspolitischen Interessen und Plänen des ›Dritten Reiches‹ und vermeintlich nüchterner ›bevölkerungssoziologischer‹ Forschung.« (81). In einer Fußnote bezieht sich Pinwinkler dann auf eine Einschätzung aus dem Jahr 1998: »Vom Brocke charakterisierte Haufes Arbeit als ›nüchtern und frei von den völkisch-nationalistischen Ideologemen des Lehrers [sc. G. Ipsen] und der grassierenden Blut- und Boden-Ideologie‹. Haufe verortete seine Studie jedoch selbst in den Planungen des totalitären nationalsozialistischen Machtstaats. Diese Einschätzung vom Brockes kann ich hier nicht teilen. Dieser wies selbst darauf hin, dass Haufe den Ausbau des deutschen ›Lebensraums‹ befürwortet habe.« (81)
Haufes Untersuchung ist, wie schon der zeitgenössische Rezensent und eben auch vom Brocke festgestellt haben, tatsächlich eine seriöse Schrift. Sie besteht zu einem großen Teil aus einer tabellarischen Darstellung der europäischen Bevölkerung nach Regionen; das ist der wertvollere Teil an der Studie. Davor befindet sich ein Text, der diese Tabellen sozusagen nacherzählt, wobei Haufe zuerst nach Regionen einteilt, dann nach Ländern und nach Sprachgebieten.
Es stimmt, daß Haufe feststellt, seine Untersuchung sei bevölkerungspolitisch wichtig; diese Feststellung erfolgt mehr en passant und ist kein prägendes Motiv, aber es gibt sie. Es ist die Frage, wie man solche Bekundungen aufzufassen hat. Sicherlich ist es theoretisch möglich, daß Haufe bei der Abfassung seiner Schrift, die 1936 erschienen ist und eine entsprechende Vorlaufzeit gehabt haben muß, davon geträumt hat, daß der nationalsozialistische Staat dereinst ganz Europa von den britischen Inseln bis Rußland beherrschen und sein Buch ein Herrschaftsinstrument sein werde. Wahrscheinlicher ist allerdings, daß er die Relevanz seiner Forschungen für die Gegenwart gerade deshalb behauptet hat, weil seine Arbeit in Wirklichkeit selbstzweckhaft war — wofür hätte der ›totalitäre nationalsozialistische Machtstaat‹ irische Bevölkerungsdaten aus dem 19. Jahrhundert ›verwenden‹ sollen?
Die Erörterung der Frage, ob Forschungsergebnisse für verbrecherische Handlungen eines Regimes verwendet werden konnten, ist dann sinnvoll, wenn für die beteiligten Wissenschaftler eine solche Verwendung absehbar war. Verwendbarkeit allein besagt nichts, denn ›verwendbar‹ war zum Beispiel auch so gut wie jede normale technische Innovation. Wesentlich ist also erstens ein Bezug zwischen den Forschungsergebnissen und den geplanten Maßnahmen (Bevölkerungsstatistik des 19. Jahrhunderts war dann meist nicht das vorrangige Forschungsdesiderat) und zweitens, daß die Demographen diesen Bezug auch wahrnahmen. Allgemein sollte man bedenken, daß ein großer Teil dieser Forschungen von vornherein keinerlei praktische Relevanz hatte. Im Gegensatz dazu gibt es wiederum einen extremen Fall wie Günther Franz, der nicht nur seit 1933 Nationalsozialist und Mitglied der SA war, sondern 1935 zur SS übertrat und neben seiner Tätigkeit als Universitätsprofessor auch ab 1942 im Reichssicherheitshauptamt anwendungsbezogene Untersuchungen im Bereich ›Judenstatistik‹, die Erstellung einer ›Namensliste jüdischer Wissenschaftler und Künstler‹ und dergleichen mehr koordinierte.4 Hier ist eine Verwendbarkeit der Forschungsergebnisse für die Verbrechen des Regimes anzunehmen, und auf jeden Fall war sie vom Urheber intendiert.
Nationalsozialistische Autoren
Der Fall Franz ergibt ein konsistentes Gesamtbild: Überzeugter Nationalsozialist, offene Bekundung der eigenen Überzeugungen (bis hin zum Auftritt auf dem Historikertag 1937 in SS-Uniform), intrigante Versuche der politischen Einflußnahme innerhalb des Wissenschaftsbetriebs, Forschungsarbeiten mit völkisch-rassistischer Tendenz, unmittelbare Mitarbeit bei der Planung von Verfolgungsmaßnahmen. Aber Franz ist eben ein extremer Fall.
Die zweite Hauptperson des entsprechenden Doppelporträts in Teil 2 ist Wilhelm Abel. Der Fall Abel ist deshalb interessant, weil er die Grenzen einer hauptsächlich politischen und institutionellen Perspektive deutlich macht. Im vorliegenden Buch gibt es zu Abel im wesentlichen drei relevante Punkte. Der erste ist die Mitgliedschaft Abels in der NSDAP: »Abel selbst behauptete nach 1945, dass ihm die Frankfurter Dozentenschaft im Vorfeld seiner Habilitation nahegelegt habe, in die Partei einzutreten. Unbestreitbare Tatsache ist, dass Abel am 1. November 1937 der NSDAP beitrat, nachdem der Aufnahmestopp aufgehoben worden war. Der NS-Dozentenbund bescheinigte ihm, der auch die Funktion eines NSDAP-Blockleiters übernommen hatte, ›vollkommen zuverlässig‹ im Sinne der NS-Ideologie zu sein. Während des Krieges war er ›u. k.‹ gestellt.« (247) Das klingt bedrohlich, andererseits waren Unbedenklichkeitsbescheinigungen wie jene des NS-Dozentenbundes in einem solchen Fall nicht allzu schwer zu erlangen. Bei Personen, die nicht auffällig geworden waren, genügte das bekannte ›Telephonat zum richtigen Ort‹, denn für solche Zwecke kannte man einander. Daß aus der Unabkömmlich-Stellung besondere Schlüsse zu ziehen wären, kann man ohnehin bezweifeln — Abel war Jahrgang 1904, in dem es überhaupt eine verhältnismäßig geringe Einberufungsquote von etwas über 40 Prozent gab.5 Die Unabkömmlicherklärung eines Mannes dieses Jahrgangs ist also noch kein auffälliges Privileg, und daß jemand eine solche Möglichkeit nutzt, ist auch ohne Rückgriff auf politische Gründe erklärbar.
Der zweite Punkt ist Abels Verbindung zur ›Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung‹. Er ist für Pinwinkler so wichtig, daß er ihn zweimal erwähnt: »Nach Jörg Gutberger steht mittlerweile eindeutig fest, dass Abel ›eine enge Beziehung zur RAG-Raumforschung‹ hatte. Demnach bestand zwischen der ›soziologisierten Raumforschung‹ und der ›Volksgeschichte‹, wie sie z. B. Abel oder Conze betrieben hätten, ein forschungspraktischer Zusammenhang, den die SS als ›strukturwissenschaftliche Sozialerhebungs- und Begründungsarbeit‹ zu nutzen verstand.« (247, vgl. auch 82) Dazu würde man freilich gerne mehr erfahren. Die ›Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung der deutschen Hochschulen‹ war eine Forschungseinrichtung im Umkreis der ›Reichsstelle für Raumordnung‹, die wiederum eine Reichsbehörde war. Wesentlich wichtiger war die ›Dienststelle des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums‹ (der Reichskommissar war Heinrich Himmler) mit der ›Hauptabteilung Planung und Boden‹. Letztere wurde von Konrad Meyer geleitet, der indessen wiederum auch bei der RAG federführend tätig war. SS-Stelle, Reichsbehörde und Arbeitsgemeinschaft waren also zumindest in dieser Hinsicht nicht säuberlich voneinander getrennt. Trotzdem bedürfte der Schluß von einer nicht näher beschriebenen ›engen Beziehung‹ zur RAG auf eine ebenso unklar definierte Nutzung der Ergebnisse für ›Sozialerhebung und Begründung‹ durch die SS einer gewissen empirischen Fundierung.
Der dritte Punkt ist Abels Einschätzung durch Werner Conze: »Die im ›Dritten Reich‹ entstandenen Veröffentlichungen von Wilhelm Abel […] bezeichnete er […] als relevante Beiträge zur ›Wirtschafts- und Sozialgeschichte‹ in Deutschland.« (237—238) Eigentlich ist das wohl als Vorwurf gegen Conze gemeint. Aber sind Abels Veröffentlichungen schon deshalb wissenschaftlich wertlos, weil er sie zu jener Zeit schrieb? Sind sie wertlos, weil Abel 1937 in die NSDAP eingetreten ist und nicht zum Militär eingerückt ist? Oder weil er den ersten Lehrauftrag für Raumforschung und Kontakte zur RAG hatte?
Kaum. Es ist kein Zufall, daß Abels Agrarkrisen und Agrarkonjunktur6 nach 1945 immer wieder neu aufgelegt und mehrfach übersetzt wurde. Es ist ein beeindruckendes Buch, das mit ›völkischer‹ oder nationalsozialistischer Forschung nichts zu tun hat. Daß es 1935 erstmals erschienen ist und daß sein Autor dann bei der NSDAP war, ändert daran nichts.
Nach 1945: Beispiel Conze
Abel wurde gleich nach dem Krieg wieder Professor, nun in Göttingen (zuvor war er in Königsberg gewesen), und war einer der wichtigsten deutschen Wirtschaftshistoriker der Nachkriegszeit. Sein Werk aus der Zeit vor 1945 stellte dabei kein Problem dar und verschaffte ihm im Gegenteil einen hervorragenden Ruf, auch im Ausland.
Für andere Wissenschaftler galt dies nicht unbedingt: Es gibt ähnlich gewichtige Persönlichkeiten der Nachkriegszeit, deren Arbeiten aus der nationalsozialistischen Periode ihren Entstehungszusammenhang nicht verleugnen, die aber in der Nachkriegszeit Forschungen anderen Zuschnitts vorgelegt haben. Sind diese späteren Werke nun nichts als notdürftig entschärfte Werke alter Nationalsozialisten, oder handelt es sich doch um etwas anderes?
Pinwinkler entscheidet im Zweifel für die erste Variante. Ein typisches Beispiel sind seine Darlegungen über Werner Conze, einen der prominentesten deutschen Historiker der Nachkriegszeit, seit 1957 Professor an der Universität Heidelberg. Conze, der 1986 verstorben ist, ist einer der Historiker, die in den neunziger Jahren wegen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit zum Gegenstand einer intensiven Debatte wurden, die auf dem Deutschen Historikertag 1998 ihren Höhepunkt erreichte.7 Neu war das Thema allerdings zumindest in seinem Fall nicht, denn Conze wurde bereits Ende der sechziger Jahre auch öffentlich mit unangenehmen Zitaten aus seinen alten Aufsätzen konfrontiert.8 Conze, Jahrgang 1910, war seit 1933 Mitglied der SA und seit 1937 Mitglied der NSDAP gewesen. Während des Kriegs war er als Historiker nicht sonderlich aktiv, weil er die meiste Zeit bei der Wehrmacht im Fronteinsatz war.
Conzes Arbeiten aus dieser Zeit haben selbstverständlich auch die übliche Fachkritik, beispielsweise an seiner Datengrundlage, hervorgerufen, wie es bei wissenschaftlichen Arbeiten ja normal ist. Dieser Aspekt ist im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Conzes allerdings irrelevant. Selbst die von Pinwinkler referierte Kritik Werner Lauseckers an Conzes Habilitation ist noch nicht vernichtend: »Diese völkischen Differenzen werden nicht mit sozialen Argumenten erklärt, vielmehr werden soziale Phänomene durch völkische Differenzen erklärt« (235). ›Völkische Differenzen‹ heißt in diesem Fall, daß unter Weißrussen und Litauern unterschiedliche erbrechtliche Normen geherrscht hätten, die sich demographisch ausgewirkt haben sollen. Das muß nicht stimmen, aber es ist eine diskutable These.
Das hauptsächliche Problem bei Conze liegt aber ohnehin anderswo, nämlich in einigen seiner früheren Arbeiten. In einigen seiner Osteuropa-Aufsätze aus den dreißiger Jahren erging er sich in antisemitischen Ausfällen (Juden als »Fremdkörper«, »unerträglich«, »verjudete Marktflecken«, »von den Juden beherrscht« und so weiter), und in einem Beitrag für den dann abgesagten Soziologen-Kongreß in Bukarest 1939 erklärte er die »Entjudung der Städte und Marktflecken« für »äußerst wirksam und lindernd«, um die Lage in den polnischen Dörfern zu verbessern.9 Mindestens eine Handvoll derartiger Äußerungen sind bekannt.
Wie ging es nach 1945 weiter? Im ersten Band der VSWG nach dem Krieg veröffentlichte Conze einen Aufsatz, der auch im besten Fall nur einen kleinen Zwischenschritt auf dem Weg zum seriösen bundesrepublikanischen Großordinarius bildete: Die Terminologie verströmt noch den gewissen Hautgoût, vom Begriff »Volksordnung« im Titel bis zu Bemerkungen wie: »Der böhmische Aristokrat, in dessen Adern sich nicht nur tschechisches und deutsches, sondern auch in hohem Anteil romanisches Blut mischten …«10 Die Marktflecken waren nun zwar nicht mehr »verjudet«, aber es hieß immer noch: »Die Funktionen des Bürgertums aber lagen vorwiegend in der Hand eines deutschen oder ursprünglich deutschen Stadtbürgertums oder des Judentums, das in die Städte eingedrungen war und die für den Osten typischen Marktflecken beherrschte.« Der Jude als »Fremdkörper« war nun vom Juden als ›Eindringling‹ abgelöst worden. Etwas gewundener dann weiter: Die Agrarreformen boten »die Voraussetzung für die Entwicklung zu sozial durchgebildeten Völkern durch […] die Möglichkeit des Einströmens der jeweiligen Bauerntümer in die ihnen bisher verschlossenen Berufe des Volkslebens. […] Dieser Weg war freilich bis in die Gegenwart hinein noch nicht zu Ende gegangen worden.«11
Das war 1951. Wenige Jahre danach erschien ein anderer Aufsatz Conzes ebenfalls in der VSWG, in dem er sich mit dem ›Proletariat‹ befaßte.12 Conze bespricht darin den Zusammenhang zwischen der Bevölkerungszunahme in Deutschland bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, der Rolle der unterbäuerlichen Agrarbevölkerung dabei, der sektoralen Struktur und den Einkommen. Im Zusammenhang der Bevölkerungsforschung wesentlich ist Conzes Annahme, daß das Bevölkerungswachstum im Vormärz so stark war, daß die Entwicklung des gewerblich-industriellen Sektors vorläufig noch zurückblieb. Diese Annahme ist für viele Regionen auch wirklich richtig: Die Produktivität in der Landwirtschaft stieg so stark an, daß ein guter Teil der tatsächlich zahlreicher gewordenen Agrarbevölkerung eine gewerbliche Beschäftigung hätte aufnehmen können; aufgrund der langsamen Entwicklung des sekundären Sektors war dies aber zunächst noch gar nicht möglich. Den sich daran anschließenden ›Verelendungsthesen‹ Conzes muß man nicht zustimmen, aber immerhin gab es in der Wirtschaftsgeschichte eine lange und ernsthafte Debatte über solche Fragen. Diesen anregenden Aufsatz Conzes würdigt Pinwinkler etwas näher, und hier wird die Berichterstattung tendenziös. Fazit: »In diesem Artikel bildeten nicht mehr ›Juden‹ und ›Slawen‹, sondern der ›Pöbel‹ die Projektionsfläche seiner Angstvisionen von ›Übervölkerung‹ und ›Überwucherung‹.« (239) Das ist schon deshalb Nonsens, weil Conze gar keine »Angstvisionen« hatte, sondern bloß mehr oder weniger richtige oder falsche Erklärungen für die Bevölkerungsentwicklung und damit zusammenhängende Fragen anbot. Auch seine ›ethnischen‹ Erklärungen sind viel weniger stereotyp, als Pinwinkler suggeriert, denn Conze sah die Probleme weniger in der ›Ethnizität‹, sondern in bestimmten Institutionen: Er hatte offenkundig starke Vorbehalte gegen Realteilung, die er bei vielen Gelegenheiten als Ursache für hohes Bevölkerungswachstum und Verarmung anführt, betont aber, daß es keinen perfekten Zusammenhang zwischen Ethnizität und Erbregelung gibt, und unterscheidet zwischen verschiedenen regionalen Entwicklungen. Jedenfalls zeigt auch der Fall Conze, daß die unterschiedslos gleiche Einordnung all dessen, was (gewesene) Nationalsozialisten während ihrer Karriere produzierten, mehr vernebelt als erhellt.
Methodik
Pinwinklers Untersuchung ist großteils deskriptiv gehalten und konzentriert sich auf die Wiedergabe von Inhalten der einschlägigen Literatur. Durchgehend werden biographische Aspekte genannt, besonders die akademischen Karrieren der betreffenden Wissenschaftler und ihre Verbindung zu ihren Lehrern und Schülern, ihre Stellung an Universitäten und akademischen Einrichtungen und so weiter (im Anhang findet man außerdem 92 etwa halbseitige Kurzbiographien). Diese Kombination von inhaltlichen Positionen und biographischen Verläufen bietet noch wenig Erklärung. Sicherlich gab es erwartungsgemäß in manchen Fällen so etwas wie eine ›Schule‹ in dem Sinn, daß Mitarbeiter eines Professors diesem auch später noch in Fragestellungen, Positionen und Methoden folgten, aber das erklärt eigentlich noch nichts, weil es nicht verständlich macht, warum es in anderen Fällen anders verläuft.
Ein wichtiges Thema für Pinwinkler sind die ›Netzwerke‹, in denen er offenkundig die hauptsächliche Erklärung für Erfolg und Mißerfolg in den Karrieren sieht. Auch das ist nicht von vornherein unplausibel: Die Szene war überschaubar, man kannte einander, und daß es informelle oder auch formelle Einflußnahme gab, kann man voraussetzen. Trotzdem ist es die Beschränkung auf diesen Aspekt unbefriedigend. Prinzipiell ist es ja auch möglich, daß einmal jemand auf eine Professur berufen wurde, bloß weil man ihn für gut hielt.
Eine Ausnahme von der generell deskriptiven Vorgangsweise ist zumindest der Intention nach das Schlußkapitel des zweiten Teils, in dem Pinwinkler die Generationszugehörigkeit von Bevölkerungsforschern in Zusammenhang mit den Inhalten ihrer Arbeiten bringt — genauer, er verwendet den eher verzichtbaren Begriff der ›Generationalität‹, der seit längerer Zeit im Umlauf ist und die ›Selbst- und Fremdverortung‹ von Menschen (Jürgen Reulecke) in ihrer jeweiligen Zeit meinen soll. Gleiches meint man allerdings auch, wenn man ohne Getöse bloß von ›Generation‹ und Zugehörigkeit zu einer Generation spricht; denn soweit eine Generationszugehörigkeit eine Rolle spielt, liegt das nicht ja an der Jahreszahl als solcher, sondern an anderen Faktoren, die zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Ausprägung aufweisen und eben damit die Erfahrungen eines Menschen in bestimmten Lebensabschnitten bestimmen.
Aber die Terminologie ist nicht das Hauptproblem. Die Schwäche dieses Abschnitts liegt darin, daß Pinwinkler einen durchaus brauchbaren Datenbestand nicht adäquat auswertet. In seiner Begründung: »Es handelte sich bei ihnen weder um eine homogene Gruppe, welche die Zusammenstellung eines statistisch aussagekräftigen ›Samples‹ rechtfertigen würde, noch waren ihre Lebenswege dauerhaft so miteinander verflochten, dass eine systematisch vergleichende Analyse weiterführende Erkenntnisse verspräche.« (280) Wäre dies wirklich so, müßte man die Frage stellen, warum sich der Autor dann überhaupt mit dem Generationskonzept befaßt. Tatsächlich verfügt Pinwinkler über ein Sample von 92 Personen, zu denen er eine Reihe von biographischen Angaben (Ausbildung, Karriere, Verbindungen mit anderen) gesammelt hat und über deren wissenschaftliches Werk er informiert ist. Daß nur eine ›homogene‹ Gruppe eine statistische Untersuchung erlaubt, ist unrichtig — ganz im Gegenteil ist eine gewisse Varianz sogar eine Voraussetzung für eine solche Untersuchung, denn wären alle gleich, gäbe es nichts zu erklären.
Der Ausweg Pinwinklers besteht in der Reduktion der Untersuchung auf die sechzehn Personen, die er im zweiten Hauptteil eingehend besprochen hat. Die Ergebnisse gelten also für eine Handvoll Einzelfälle, die mehr oder weniger typisch oder untypisch für ihre ›Generation‹ sein können, was man aber nicht weiß, und bestehen im wesentlichen aus ad-hoc-Diagnosen.
Schließlich bietet Pinwinkler noch eine nach den Geburtsjahren geordnete Tabelle, in der fast alle der von ihm in den Kurzbiographien erfaßten Forscher enthalten sind. Daran schließen sich folgende Bemerkungen an: »Von den in der Tabelle Bevölkerungswissenschaftler angeführten 87 Akteuren lassen sich 53 aus der Sicht heutiger Historiker der ›Kaiserreich-‹ und ›Frontkämpfergeneration‹ (geb. ca 1870 bis 1895) sowie der ›Kriegsjugendgeneration‹ (geb. ca. 1900 bis 1910) zuordnen. [Fn.] Im Vergleich zu diesen beiden generationellen Einheiten bilden diejenigen Akteure, die vor 1870/71 oder nach 1945 geboren bzw. politisch und akademisch sozialisiert wurden, in der Tabelle eine klare Minderheit. [Fn.] Diese Tatsachen erweisen sich für die hier interessierenden Fragestellungen hinsichtlich der wissenschaftspolitischen Situation der frühen 1930er-Jahre als durchaus beachtenswert.« (292—293) Die Verteilung liegt aber hauptsächlich daran, welche Personen man für eine Untersuchung auswählt. Wer vorzugsweise Personen aus bestimmten Altersgruppen für seine Untersuchung auswählt, wird am Schluß auch hauptsächlich solche Personen in seinem Sample haben. Daß sich in Pinwinklers Sample nur sieben Personen befinden, die nach 1913 geboren sind, bedeutet ja nicht, daß es nach dem Zweiten Weltkrieg keine sonstige historische Bevölkerungsforschung gegeben hätte.
Es geht dann wie folgt weiter: Es »lässt sich feststellen, dass von den damals 20- bis 39-jährigen jüngeren Studenten und Forschern (45 Personen), [Fn.] die in der Tabelle angeführt sind, nur Rudolf Heberle und Karl Ferdinand Helleiner nach 1933 ihre bisherige akademische Laufbahn nicht fortsetzen konnten, da sie von den Nationalsozialisten zur Emigration gezwungen wurden. Die übrigen 43 Wissenschaftler erzielten im ›Dritten Reich‹ einen oder sogar mehrere Karrieresprünge« (293). Auch das liegt an der Auswahl. Wenn jemand 1933 Student war und für einen heutigen Wissenschaftshistoriker, der sich mit der deutschen Szene befaßt, immer noch wahrnehmbar ist, dann wahrscheinlich gerade deshalb, weil er in den folgenden Jahren in Deutschland etwas geworden ist. Ein Fünfundzwanzig- oder Dreißigjähriger, der nach 1933 keine Karriere machte und daher nicht mehr auffiel, hatte es eben schwerer, in Pinwinklers Sample zu gelangen. Einige in den Kurzbiographien erfaßte Personen sind aufgrund schlechter Informationslage nicht im Sample vertreten, etwa weil ihr Todesjahr nicht bekannt ist. Ein Beispiel ist der Geograph Georg Bartholomäus, über dessen weitere Karriere nach der Dissertation nichts vorliegt (die Dissertation selbst ist übrigens eine durchaus seriöse Untersuchung13). Andere, über die sehr wohl eine Menge vorliegt, sind im Text erwähnt, nicht aber in den Kurzbiographien oder im Sample vertreten (zum Beispiel der genannte Ignaz Jastrow). Und viele andere sind auch im Text nicht erwähnt.
Und dann gibt es einen Fall wie Erich Woehlkens, geboren 1909 und daher zu der Gruppe von 45 Forschern gehörend, die angeblich »einen oder sogar mehrere Karrieresprünge« erzielten. Pinwinkler: »Woehlkens scheint politisch vergleichsweise weniger oder nicht exponiert gewesen zu sein. […] Seit 1936 Studienreferendar in der niedersächsischen Stadt Uelzen, betätigte er sich dort seit 1937 als Heimat- und Familienforscher.[Fn.]« (306) In der Fußnote heißt es: »Recherchen im BArch Berlin erbrachten keine Klarheit darüber, ob Woehlkens der NSDAP angehörte. In den Beständen des BDC finden sich zu Woehlkens keine Akten.« Mit anderen Worten: Es liegt nichts gegen Erich Woehlkens vor. Das ist aber etwas anderes, als ›politisch vergleichsweise weniger exponiert‹ gewesen zu sein. Der ›Karrieresprung‹ Woehlkens’ bestand im Studienreferendariat, ein für Österreicher eindrucksvoll klingender Begriff, mit dem man in Deutschland etwas in der Art des Probe- oder Einführungsjahres von AHS-Lehrern bezeichnet. Die weitere ›Karriere‹ führte Woehlkens außer zur Heimatforschung zum Militär. Nach dem Krieg war er wieder Lehrer und daneben ehrenamtlicher Stadtarchivar in Uelzen. Das war es.
Abgesehen davon, daß Pinwinkler die Möglichkeiten einer Kollektivbiographie verschenkt, verzichtet auch seine Analyse der Texte auf Methoden, die sich in der Textanalyse in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren etabliert haben und die der Untersuchung nicht schlecht getan hätten. Da sich ein guter Teil der Untersuchung mit Begriffen befaßt, wäre es sinnvoll, nicht von einer unveränderlichen Bedeutung von Begriffen auszugehen und die heutige Bedeutung zu unterstellen, sondern zu analysieren, in welchem Kontext Begriffe historisch verwendet wurden. Das oben gebrachte Beispiel der Studie Jastrows illustriert das: Jastrow verwendet den von Pinwinkler inkriminierten Begriff Volkszahl in seinem Buch vierundzwanzigmal, davon kein einziges Mal in einem anderen Sinn als ›Zahl der anwesenden Bevölkerung‹. Der Begriff Kopfzahl kommt fünfundvierzigmal vor, er heißt entweder ebenfalls ›Zahl der anwesenden Bevölkerung‹ oder ›Personenzahl in der jeweiligen Untereinheit‹ (zum Beispiel im durchschnittlichen Haushalt). Eine solche Vorgangsweise läßt nicht nur zu Beginn das Ergebnis offen, sie erlaubt auch eine Differenzierung zwischen verschiedenen Autoren, Zeiträumen und so weiter, weil es ja möglich ist, daß Begriffe von unterschiedlichen Personen unterschiedlich verwendet wurden.
Zusammenfassung
Der vorliegende Band ist materialreich und informativ, aber leidet unter dem Umstand, daß der Autor von vornherein entschlossen ist, historische Bevölkerungsforschungen des späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchgehend als politisch-ideologisch belastet darzustellen. Eine plausible Unterscheidung zwischen Arbeiten, die ein nach heutigen Usancen seltsames Vokabular verwenden, und Arbeiten, die tatsächlich ›völkisch‹ oder rassistisch waren, fehlt.
Hinsichtlich der biographischen Bezüge fehlt ebenfalls eine plausible Unterscheidung zwischen Personen, die in ihrer wissenschaftlichen Funktion an den nationalsozialistischen Verbrechen mitwirkten, Personen, die Schriften mit politischer Tendenz, aber ohne praktische Relevanz verfaßten, Personen, die Mitglieder der NSDAP waren, ohne daß dies die Qualität ihrer Forschungen beeinträchtigte, und Personen, gegen die politisch nichts vorliegt. Bei den anderen Fragen, etwa der Kontinuität nach politischen Systemwechseln, steht es ähnlich.