Martin Moll

Das Russendenkmal am Wiener Schwarzenbergplatz: Ein Lehrstück für zweierlei Maß im Umgang mit Geschichte

 

September 2026

Enthüllung des »Russendenkmals« in Wien, 19. August 1945. Bild: Österreichische Nationalbibliothek  

Vor einigen Jahren ist es in Mode gekommen und seither modisch geblieben, sich auf unterschiedliche Weise — auf jeden Fall aber kritisch, besonnen und reflektiert, wie die dazu passenden Trendwörter lauten — mit Denkmälern aller Art zu befassen, vornehmlich mit jenen, die aus dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen. Jene Kreise, die man gemeinhin den Bewegungen von Wokeness und Cancel Culture zuordnen kann, wittern allerorten Unzeitgemäßes (ganz abgesehen davon, daß diese steinernen Monumente nahezu ausnahmslos Männern gewidmet sind): Rassismus, Antisemitismus, Kriegsverherrlichung etc. sind die häufigsten Anklagepunkte, die — so viel sei hier zugestanden — in der Regel nicht vollkommen aus der Luft gegriffen sind. Sie reduzieren aber das Wirken der betreffenden Personen auf einen oft randständigen Aspekt ihres Lebens.

Das hierzulande beste und umstrittenste Beispiel für dieses nicht selten krampfhafte Bemühen, eine früher hochgeehrte Person sprich- oder wortwörtlich vom Sockel zu stoßen, ist der christlichsoziale Wiener Bürgermeister Karl Lueger (1844—1910). Die Kritik an ihm erweckt den Eindruck, er habe vor seiner Amtsübernahme und danach nichts anderes getan, als sich Tag und Nacht über Juden auszulassen — höchst negativ, versteht sich. Bei dieser Fixierung auf einige belegbare Aussagen gerät vollkommen aus dem Blick, welche Verdienste sich Lueger zum Beispiel um die Modernisierung der kommunalen Versorgungseinrichtungen in Wien um 1900 erworben hat.1

Ist ein solcher Kandidat, der den Behauptungen zufolge für nicht mehr Zeitgemäßes oder — noch viel schlimmer — für Menschenverachtung und Haß steht, ausfindig gemacht, beginnt das immer gleiche Spiel. Sieht man einmal davon ab, daß unzählige Expertenkommissionen den Straßennamen- und den Denkmalsbestand in immer mehr, mittlerweile auch kleineren Städten nach Fragwürdigem beziehungsweise nach Personen »mit Diskussionsbedarf« durchforsten und damit nicht selten viele Jahre beschäftigt sind, geht es dort, wo es die politischen Mehrheiten in den Rathäusern erlauben, zuerst einmal »bedenklichen« Straßen- und Plätzenamen an den Kragen. Beispielsweise wurde in Wien der Lueger-Ring im Abschnitt vor der Universität schon vor Jahren in »Universitätsring« umbenannt.

Aktionen dieser Art gab es in den letzten Jahren in zahlreichen Städten Österreichs. Neu ist, daß jüngst selbst Jahrzehnte zurückliegende und daher nicht mehr aufklärbare Vorwürfe für den Entzug von Ehrungen längst verstorbener Personen ausreichen und es die Kommunen dabei außerordentlich eilig haben, sodaß sie auf die zeitraubende Hinzuziehung von Experten verzichten, um dem Vorwurf der Verharmlosung und/oder der Tatenlosigkeit zu entgehen; stattdessen preschen sie mit der Umbenennung von Straßen et cetera vor. Neu ist ebenfalls, daß zuletzt nichtpolitische Vorwürfe, vor allem jene rund um Kindesmißbrauch und Pädophilie, stark an Bedeutung gewonnen haben, wie das Beispiel Hermann Gmeiners (1919—1986), des Gründers der SOS-Kinderdörfer, anschaulich belegt.

Schwieriger als bei den Straßenbenennungen, die in die Kompetenz der Gemeinden fallen, verhält es sich mit den Denkmälern auf ihrem Gebiet, denn dabei hat der Denkmalschutz ein gewichtiges Wort mitzureden — er ist selten bis nie mit einem kompletten Abbau oder einer massiven Veränderung dieser Monumente einverstanden. Gelegentliche Versuche, die Landeskonservatoren und/oder das Bundesdenkmalamt (BDA) auszumanövrieren, schlugen selbst bei einem äußerst trickreichen Vorgehen fehl: Beispielsweise befolgte in den 2010er Jahren die damalige grüne Vizebürgermeisterin von Graz (nicht identisch mit der derzeitigen, ebenfalls von den Grünen nominierten) zwar den Auftrag von Gemeinderat und BDA, das in die Jahre gekommene, verrostete Denkmal für den habsburgischen Admiral Wihelm von Tegetthoff (1827—1871) zwecks gründlicher Restaurierung von seinem Sockel in einem Grazer Park zu entfernen und in eine Werkstätte zu bringen. Als die Restaurierung abgeschlossen war, verschleppte die Politikerin jedoch mit allerhand Ausreden die Rückführung an den alten Standort; daß dort längere Zeit hindurch ein leerer Sockel stand, nahm sie offenbar in Kauf. Der einem meiner Diplomanden für Forschungszwecke zugänglich gemachte amtliche Schriftverkehr in dieser Causa ist ein Musterbeispiel für eine politisch gewollte Verzögerungstaktik, der letzten Endes das BDA mit einem Machtwort, das die Vizebürgermeisterin auf die rechtlichen Folgen ihres Handels hinwies, ein Ende bereitete. Das Denkmal steht seit Mitte 2016 wieder an seinem angestammten Platz.2

Was also tun, wenn man sich mit dem von den Denkmalschützern erzwungenen Ist-Zustand eines Monuments nicht abfinden will? Hier bieten sich drei Methoden an, eine illegale und zwei legale. Auf die gegen das Strafgesetz verstoßende Beschmierung oder sonstige Verunstaltung von Denkmälern, wie sie etwa das in Wien nach wie vor vorhandene für Karl Lueger mehrfach erlebte, gehe ich hier nicht ein. Legal, mit geringen Kosten verbunden und vielfach auch sinnvoll ist die Anbringung kürzerer oder längerer Zusatztafeln, die Licht und Schatten der gewürdigten Person nach heutigem Kenntnisstand zusammenfassen — während die Aufschriften auf den Denkmälern naturgemäß lediglich Positives hervorheben. Wie erwähnt, besteht allerdings die Gefahr, daß diese sogenannten Kontextualisierungen ihrerseits das Negative überbewerten, indem sie beispielsweise Begriffe und Aussagen, die zu Lebzeiten des Protagonisten allgemein üblich waren, als massiven Fehltritt brandmarken.

Mit dem dritten Weg kommen vielfach Künstler ins Spiel — damit wird es sehr viel teurer als bei den Zusatztexten, ohne daß hier ein kausaler Zusammenhang behauptet sei. Der letzte Schrei — nach allerhand »Installationen« und »Interventionen« — ist die Neigung anstößiger Denkmäler um wenige Grade, das heißt um jenes Maß, das der Denkmalschutz gerade noch toleriert, weil es den Gesamteindruck des Ensembles seiner Meinung nach nicht grundlegend verändert. Daraus darf man ableiten, daß die meisten Passanten die Schräglegung entweder gar nicht bemerken oder, wenn doch, nicht verstehen, was sie ausdrücken soll. Diese angebliche Lösung hat man in Wien nunmehr für das Lueger-Denkmal gefunden, was allerdings weitere Farbattacken nicht verhindern konnte. Die Stadt hat sich diese kaum bemerkbare Neigung um 3,5 Grad rund eine Dreiviertelmillion Euro kosten lassen.3

Die Methode hat inzwischen Nachfolger gefunden: Das Heeresgeschichtliche Museum in Wien hat vor einigen Monaten jenes bei ihm zu besichtigende Sofa, auf dem am 25. Juli 1934 der von NS-Putschisten angeschossene Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1892—1934) ohne ärztliche Hilfe verblutete, im Rahmen seiner Ausstellung Gewalt — Gesellschaft. Österreich 1918—1955 ebenfalls in eine Schräglage gebracht. Die gekippte Präsentation des Sofas soll die herkömmliche Betrachtungsweise des Möbelstücks als Reliquie aufbrechen und zugleich den Zusammenbruch der demokratischen Ordnung unter der Herrschaft Dollfußʼ zum Ausdruck bringen — ein sehr ambitioniertes Vorhaben.4

Das Russendenkmal: Errichtung und Beschriftung

Während also (nicht nur) hierzulande eifrig umbenannt, kontextualisiert und schräggestellt wird, steht in Wien ein riesiges Denkmal, über das es bisher nur wenige solche Debatten gab — obwohl sie sich, wie ich im weiteren zeige, angesichts der dort präsentierten Inhalte geradezu aufdrängen. Es handelt sich um das offiziell so heißende Denkmal zu Ehren der Soldaten der Sowjetarmee, inoffiziell »Heldendenkmal der Roten Armee«, auf dem Schwarzenbergplatz, landläufig, wenn auch nicht korrekt, als »Russendenkmal« bekannt. Seine Errichtung begann unmittelbar nach dem Kriegsende 1945, als Wien noch unter der alleinigen Verwaltung der sowjetischen Besatzungsmacht stand. Das bereits am 19. August 1945 unter anderem in Anwesenheit von Staatskanzler Karl Renner (1870—1950) und des Wiener Bürgermeisters Theodor Körner (1873—1957, beide SPÖ) enthüllte Monument erinnert an jene rund 17.000 bis 18.000 Soldaten der Roten Armee, die im März und April 1945 bei der Eroberung Wiens durch die Sowjetarmee gefallen sind.5 Die Sowjets übergaben das Denkmal noch am Tag seiner Einweihung der Stadt Wien, die sich zu seiner Instandhaltung und, wenn nötig, Bewachung verpflichtete. Eine Restaurierung hat 2009 tatsächlich stattgefunden; die bis 1955 im britischen Sektor von Wien befindliche Anlage steht nach wie vor unter der Obhut der Stadt Wien. Im Staatsvertrag von Wien ging die Republik Österreich obendrein im Mai 1955 die allgemeine Verpflichtung ein, Denkmäler dieser Art zu erhalten (Artikel 19).

Ist gegen die Ehrung von Gefallen rund um die Befreiung Wiens nichts Grundsätzliches einzuwenden, so bereitet die mit diesem Monument einhergehende verbale Botschaft allerhand Probleme — oder sie sollte es zumindest. Diese Schwierigkeiten waren früher auch der Stadt Wien bewußt, denn sie änderte den Platznamen, der von April 1946 bis Juli 1956 »Stalinplatz« lautete, zurück auf »Schwarzenbergplatz« — mehr als drei Jahre nach Josef Stalins (1878—1953) Tod im März 1953 und ein Jahr nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags. Selbstredend halten Vertreter der Stadtregierung dort mittlerweile keine Ehrungen der gefallenen Sowjetsoldaten mehr ab, wie sie in den ersten Nachkriegsjahren — passenderweise am Jahrestag der Russischen Oktoberrevolution — stattfanden.6

Kopfzerbrechen bereiten die an mehreren Stellen des Denkmals angebrachten Texte in russischer Sprache. Lassen wir einmal den langen Text einer Art Tagesbefehl oder Proklamation außer acht, die Stalin am 13. April 1945 aus Moskau an den Oberbefehlshaber der 3. Ukrainischen Front, Marschall der Sowjetunion Fjodor Iwanowitsch Tolbuchin (1894—1949), richtete. Stalin bilanzierte hier die Bedeutung der Einnahme Wiens, listete die der Deutschen Wehrmacht hierbei zugefügten Verluste auf und dankte Tolbuchin, zahlreichen weiteren namentlich genannten Generälen und Offizieren sowie seinen Truppen generell. Diese Zeilen sind heute nur mehr von historischem Interesse. Auf der Kolonnade liest man: »Ewiger Ruhm den Helden der Roten Armee, die gefallen sind im Kampf gegen die deutsch-faschistischen Landräuber — für die Freiheit und Unabhängigkeit der Völker Europas«. Die deutsche Übersetzung wurde dem russischen Original erst Ende der siebziger Jahre hinzugefügt. Vor der mittleren Säule mit dem Standbild eines das Sowjetwappen und eine Fahne haltenden Rotarmisten befindet sich ein gekippter Metallwürfel mit folgendem Text in Deutsch und Russisch: »Denkmal zu Ehren der Soldaten der Sowjetarmee, die für die Befreiung Österreichs vom Faschismus gefallen sind«. Diese Formulierungen entsprechen der heute weithin üblichen Interpretation der Ereignisse, wenngleich die Zeitgenossen die Sowjetsoldaten auch anders in Erinnerung hatten, wie der damalige Spottname »Denkmal des Unbekannten Plünderers« verdeutlicht.7 1962 kam ein Sprengstoffanschlag auf das Monument nicht zur Ausführung; die Spuren der Täter wiesen allerdings nach Italien. In den Jahren nach 2000 gab es mehrmals Schmieraktionen mit Farben.

Was ist nun der Stein des Anstoßes, sofern man überhaupt einen erkennen möchte? Es ist wohl nicht der heute ohnedies undenkbare Umstand, daß der russische Präsident Vladimir Putin (geboren 1952) das Denkmal im Zuge von Wien-Aufenthalten zweimal besuchte, 2007 und zuletzt 2018, in diesem Jahr in Begleitung von Außenministerin Karin Kneissl (geboren 1965, parteifrei) und der damaligen Staatssekretärin im Innenministerium, nunmehr Landeshauptfrau von Salzburg Karoline Edtstadler (geboren 1981, ÖVP). Das Bundesheer stellte jeweils eine Ehrenkompanie für Putins Kranzniederlegungen. Das alles ist Geschichte und wird sich so schnell nicht wiederholen. Präsent ist aber nach wie vor eine Tafel mit einem Ausspruch von Josef Stalin.

Ein Mitarbeiter des Instituts für Mathematik der Universität Wien hat dankenswerterweise sämtliche Texte am und rund um das Russendenkmal transkribiert, ins Deutsche übersetzen lassen und ins Internet gestellt.8 Dort findet man unter dem Refrain der damaligen, Ende 1943 eingeführten sowjetischen Nationalhymne (Gerühmt seist du, unser freies Vaterland, festes Bollwerk der Völkerfreundschaft! Die Fahne der Sowjets, die Fahne des Volkes, möge sie von Sieg zu Sieg führen!) etwa folgendes kurzes Zitat aus Stalins längerer Ansprache zum 9. Mai 1945: »Von nun an wird über Europa das große Banner der Völkerfreiheit und des Völkerfriedens wehen. / Stalin /.« Daß ein Zitat Stalins, eines der größten Massenmörder der Weltgeschichte, den man obendrein beim besten Willen weder mit Freiheit noch mit Frieden in irgendeine Verbindung bringen kann, ohne jede Erläuterung mitten in Wien zu lesen ist, kann man nur verwundert zur Kenntnis nehmen.

Die Rezeption des Russendenkmals

Der ORF widmete dem 60. Geburtstag des Denkmals einen am 7. Mai 2005 ausgestrahlten Beitrag, der recht ausführlich die Baugeschichte und einen Teil der Texte wiedergibt. Gegen Ende gibt es eine Passage, die den damaligen (und heutigen) Umgang mit dem Denkmal wie in einem Brennglas spiegelt: »Diskussionen über den Abbruch des ›stalinistische‹ (sic!) Mahnmals und kunsthistorischen Kuriosums gab es immer wieder; sie verstummten ebenso rasch, wie sie aufgeflackert waren. Bemerkenswert ist dabei nur jene Wiederbelebung des Denkmals in jüngster Zeit: Als rechtsgerichtete Studenten vor etlichen Jahren begannen, am Grabmal des Unbekannten Soldaten im Äußeren Burgtor den 8. Mai, den Tag des Kriegsendes, zu einem Tag der Heldenverehrung zu erklären, folgte umgehend die Reaktion von links: Das Denkmal der Roten Armee wurde zum Ort der Befreiung hochstilisiert, voller Emphase, antifaschistisch und ein wenig naiv.«9

Das Denkmal hat in der Wissenschaft einige Aufmerksamkeit gefunden, so etwa 2005 in einem nur ihm gewidmeten Band, dessen Autoren sich auch mit den Konflikten rund um das Monument befassen; die Buchpräsentation fand in der russischen Botschaft in Wien statt.10 2022 erschien eine Studie, die die sowjetischen Ehrenmale in Berlin-Tiergarten und Berlin-Treptow sowie in Wien vergleichend untersucht und sie als ungeliebtes Erbe bezeichnet. Da es sich um eine 2022 bereits gedruckt vorliegende Leipziger Dissertation handelt, ist die Themenwahl sicherlich lange vor Beginn des Ukrainekrieges erfolgt. Der Klappentext läßt allerdings mit keinem Wort erkennen, daß die Autorin die drei Denkmäler, die sie als intendierte sichtbare Präsenz der Sowjetunion in den beiden Städten versteht, irgendwie als Problem betrachtet: »Erstmals werden die drei Denkmalsanlagen auf einer breiten Quellenbasis vergleichend untersucht sowie kunsthistorisch und erinnerungskulturell eingeordnet. Die Studie zeichnet ihre Entstehungsgeschichte nach und leuchtet in einer langen zeitlichen Perspektive ihre Nutzung und geschichtspolitische Bedeutung in den unterschiedlichen politischen Systemen vielfältig aus.«11

Erst der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine brachte das Denkmal ab Ende Februar 2022 zurück ins Rampenlicht. Zwar ist es richtig, daß diesen Krieg nicht die nicht mehr existierende Rote Armee der 1991 aufgelösten Sowjetunion führt, sondern die Streitkräfte der Russischen Föderation unter ihrem Oberbefehlshaber Präsident Putin. Gewisse Kontinuitäten sind aber unübersehbar und in Moskau durchaus erwünscht. Bekanntlich instrumentalisieren Putin und seine Propaganda bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit das Erbe des »Großen Vaterländischen Krieges«, wie der Zweite Weltkrieg in der Sowjetunion hieß und in Rußland noch immer heißt; die Berufung auf diesen Konflikt und den Sieg 1945 legitimiert außerdem den Überfall auf die Ukraine, wo es angeblich ebenfalls den Faschismus zu bekämpfen gilt. Wie weit Putin dabei zu gehen bereit ist, zeigt der Umstand, daß gegenwärtig in Rußland allen Ernstes erwogen wird, die Stadt Wolgograd wieder in Stalingrad rückzubenennen; andere Manifestationen eines neubelebten Stalinkults sind ebenfalls zu beobachten.12 Allein diese Meldungen aus Rußland sollten Anlaß genug sein, um einen anderen Umgang mit Stalins Hinterlassenschaft im Zentrum Wiens in Erwägung zu ziehen. Das gilt nicht minder für jene hagiographische Erinnerungstafel an der Fassade jenes Hauses in der Nähe des Schlosses Schönbrunn, in dem Stalin 1913 für einige Wochen während eines Studienaufenthalts in der Hauptstadt der multinationalen Habsburgermonarchie wohnte.13

Wie gesagt: Der Ukrainekrieg hat betreffend das Russendenkmal vieles verändert. Die Russische Föderation versteht sich zwar als Rechtsnachfolgerin der untergegangenen Sowjetunion, das Regime Putins jedoch nicht zwingend als eine Fortsetzung der einstigen Herrschaft der Kommunistischen Partei (KPdSU), wenngleich Putin seine Karriere in einem der Geheimdienste der UdSSR begann. Für all jene, die seit dem Februar 2022 den Verteidigungskampf der Ukraine unterstützen (wollen), sei es auch nur symbolisch, mutierte das Denkmal am Schwarzenbergplatz zu einem idealen Ort, um dort einen antirussischen Aktivismus in Szene zu setzen — was immer man damit zu erreichen hoffte. Vielleicht schwang dabei auch die Erinnerung an den Umstand mit, daß ähnliche steinerne Hinterlassenschaften in vielen jener Länder zum Problem geworden waren, die sich nach der sogenannten Wende 1989—1991 von der Sowjetherrschaft gelöst und ihre volle Souveränität zurückerlangt hatten. Überall dort war es ein Akt der Manifestation der neu gewonnenen Unabhängigkeit, den Denkmalschutt aus der Sowjetzeit zu entsorgen, verkörperte er doch im Straßenbild die jahrzehntelange Unterwerfung unter das Moskauer Diktat. Besonders weit gingen hierbei die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, alle drei ehemalige Sowjetrepubliken mit beträchtlichen russisch(sprachig)en Minderheiten, die mit der Entfernung der Sowjetsymbole keineswegs konform gingen. Während sich in Osteuropa der beschriebene radikale Wandel der Denkmallandschaft vollzog, änderte sich am Schwarzenbergplatz in Wien — genau nichts.

Wie der ORF am 1. März 2022, wenige Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, meldete, hatte in der Nacht davor eine private Initiative, wie es nebulos hieß, die Mauer hinter dem Russendenkmal mit einem Streifen in den ukrainischen Nationalfarben Blau/Gelb bemalt, um ein Zeichen der Solidarität mit dem überfallenen Land zu setzen. Dieser Schritt fügt sich ein in die zeitgleiche Bestrahlung vieler öffentlicher Gebäude in den meisten europäischen Staaten, unter anderem des äußeren Burgtors am Heldenplatz, mit Blau/Gelb. Zum Zeitpunkt der Bemalung lagen vor dem Monument noch jene Kränze, die Vertreter von russischer Diplomatie und Wirtschaft kurz zuvor anläßlich des traditionellen »Tags der Vaterlandsverteidiger« am 23. Februar niedergelegt hatten. Laut einer Sprecherin der Wiener Polizei war die Bemalung der besagten Mauer offiziell genehmigt, von ihr und der Besitzerin der Mauer, der fürstlichen Familie Schwarzenberg, deren Oberhaupt Karl Schwarzenberg (1937—2023) schon in der Vergangenheit aus seinen pro-ukrainischen Sympathien kein Hehl gemacht hatte.14 Man kann sich freilich die Frage stellen, ob wirklich dieses dem Andenken an Gefallene gewidmete Denkmal der geeignete Ort für eine derartige Manifestation ist oder nicht eher die russische Botschaft in Wien.

Ähnliches gilt für die Zusammenkunft ukrainischer Aktivisten vor dem Monument im April 2022, die mit einem Aufmarsch von Kinderwägen auf die im Krieg getöteten Kinder aufmerksam machen wollten. Eine dementsprechende Demonstration vor der russischen Botschaft hatte die Wiener Polizei Pressemeldungen zufolge abgelehnt und stattdessen den Schwarzenbergplatz empfohlen. Zu diesem Ort paßten die gezeigten Plakate mit der Aufschrift »Vom sowjetischen Antifaschismus 1945 zum russischen Faschismus 2022« in der Tat viel besser.15 Wenig später, am 9. Mai 2022, rückten in Wien lebende Ukrainer neuerlich aus, um zeitgleich mit den in Moskau abgehaltenen Feiern anläßlich des Sieges über NS-Deutschland gegen den aktuellen Krieg zu protestieren. Die Polizei sicherte »das Denkmal vor möglichen Randalierern« (Heute), es blieb jedoch ruhig.16

Mit der Verspätung von rund einem halben Jahr stellte die Tageszeitung Die Presse am 5. September 2022 den Leitartikel »Sowjetdenkmal: das Fragezeichen am Schwarzenbergplatz« aus der Feder von Oliver Grimm online, der einleitend konstatierte, der Ukrainekrieg beschleunige die Ent-Sowjetisierung Osteuropas und mache das Wiener Denkmal, das nach der Entfernung seiner Pendants in den ehemaligen Satellitenstaaten der UdSSR nun quasi allein auf weiter Flur stehe, endgültig untragbar. Im weiteren geht Grimm erstaunlicherweise nicht auf das Stalin-Zitat und nur ganz am Rande auf den Ukrainekrieg ein. Vielmehr argumentiert er im wesentlichen damit, die Sowjetunion habe 1939 im Hitler-Stalin-Pakt Polen aufgeteilt und dessen Elite systematisch ermordet; die Rote Armee habe 1945 eine Blutspur durch Europa gezogen und sei das wichtigste Instrument zur Unterdrückung der Freiheit gewesen, nicht — wie auf dem Monument zu lesen — deren Bringerin. Grimm, der das Denkmal bereits vor dem zitierten Artikel auf Twitter zur Diskussion gestellt hatte, liefert sich darüber hinaus einen Schlagabtausch mit dem Chefredakteur des Falter, der auf dieses Posting entgegnet hatte, das Monument solle bleiben, da es eben ein Stück Geschichte darstelle. Grimms treffende Replik: »Ach wirklich? So, wie das Lueger-Denkmal auch ›ein Stück Geschichte‹ ist?« Man hätte noch ergänzen können, daß sich Lueger im Vergleich zu Stalin und der Roten Armee wie ein Waisenknabe ausnimmt. Den Schlußworten des Presse-Artikels kann man nur zustimmen: »Natürlich lässt sich diese Debatte in bewährt österreichischer Manier rasch abwürgen. Der Staatsvertrag sieht schließlich vor, daß die Republik Denkmäler wie dieses bewahrt und pflegt, und außerdem: Wir wollen es uns doch nicht mit den Russen verscherzen. Doch was spräche dagegen, den Rotgardisten am Schwarzenbergplatz zu kontextualisieren? Also erstens der anderen drei alliierten Mächte und deren Toten zu gedenken. Und zweitens daran zu erinnern, daß die Befreier der Roten Armee eben auch Unterdrücker waren. Und daß erst mit dem Ende der UdSSR tatsächlich die ›Freiheit und Unabhängigkeit der Völker Europas‹ möglich wurden — auch wenn Moskau das heute so wie zu Stalins Zeiten infrage stellt.«17 Der konkrete Vorschlag zum weiteren Umgang mit dem Denkmal lautet also wieder einmal Kontextualisierung, wofür der Autor drei Punkte ins Treffen führt.

Der angesprochene Falter bezog eine Woche später, am 12. September 2022, nochmals eindeutig Position, wie schon die Überschrift des entsprechenden Artikels deutlich macht: »Warum das Sowjet-Monument am Schwarzenbergplatz bleiben sollte«. Die wiederaufgeflammte Debatte erklärt der Autor nur indirekt mit dem Ukrainekrieg, denn er verweist lediglich auf die im Sommer 2022 erfolgte Beseitigung der letzten Sowjet-Monumente in den baltischen Staaten, um daran die Frage zu knüpfen, ob die Devise »aus dem Auge, aus dem Sinn« wirklich die Lösung sein könne. Abgesehen von den Verpflichtungen des Staatsvertrags, »stellt sich auch eine Frage: Was hat die Statue eines Rotarmisten, der den überwältigenden Beitrag der damaligen UdSSR zur Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus symbolisiert, überhaupt mit dem heutigen Regime in Russland zu tun?« Darauf folgt ein Interview mit dem bekannten österreichischen Zeithistoriker Oliver Rathkolb (geboren 1955), der gleich eingangs die Frage, ob man das Denkmal beseitigen solle, mit Nein beantwortet. Es gehe nicht darum, ob das Monument angesichts der russischen Aggression gegen die Ukraine noch zeitgemäß sei, sondern um die historischen Fakten, unter denen Rathkolb die Befreiung Wiens durch die Rote Armee 1945 und die hierfür erbrachten Opfer hervorhebt, darunter nur zum kleinsten Teil ethnische Russen. Parallel dazu habe es Morde, Vergewaltigungen und Plünderungen gegeben und Stalin sei selbstredend ein »brutaler und totalitärer Diktator« gewesen. Rathkolb fährt dann fort: »Man kann sich von bestimmten historischen Ereignissen nicht lösen. Es wäre sinnvoller, sich mit der Russlandpolitik der vergangenen Jahre auseinanderzusetzen. Ein Denkmal wegzuräumen, das durchaus eine historische Berechtigung hat, wäre wirklich Geschichtsverfälschung.« Es folgt eine Kritik der von der österreichischen Regierung zu verantwortenden Abhängigkeit von russischen Energielieferungen und daran, daß die Wirtschaftskammer Putin nach dessen Annexion der Krim »noch freundlich empfangen« habe. Unmittelbar danach verkündet Rathkolb: »Die Debatte um das ›Befreiungsdenkmal‹ ist eine Scheindebatte, um von der jüngsten Vergangenheit abzulenken. Die wirkliche Frage ist, wie sich eine gesellschaftliche und politische Elite mit einem Regime einlassen konnte, das ganz klar keine Demokratie mehr ist. Das wußte man spätestens mit dem Krimkrieg 2014. Aber weder die EU noch Österreich haben sich distanziert und entsprechend agiert. Vielleicht brauchen wir ein neues Denkmal, um uns mit dieser verfehlten Politik auseinanderzusetzen.« Bei dieser beispiellosen Ablenkung vom eigentlichen Problem geht beinahe unter, daß sich Rathkolb immerhin in zwei ganz kurzen Sätzen für eine Kontextualisierung, bei anderen Gelegenheiten eines seiner Leib- und Magenthemen, ausspricht: »Eine Kontextualisierung wäre unbedingt notwendig. Vielen ist gar nicht bewusst, warum das Denkmal dort steht.« Details bleibt er schuldig.18

Nach diesen Statements geschah, wie zu erwarten, nichts. Rund eineinhalb Jahre später, im Februar und März 2024, druckte die Presse zwei konträre Gastbeiträge zu dieser Angelegenheit ab. Der gebürtige Brite Liam Hoare (geboren 1989) sprach sich klar gegen einen Abriß des Denkmals aus, zumal dieser der Ukraine in ihrem aktuellen Krieg nicht helfe. Sie brauche mehr Geld, keine Gesten. Mit Blick auf die Befreiung Wiens durch die Rote Armee hält Hoare fest: »Das Denkmal bleibt das sichtbarste, das diesen historischen Kampf memoriert, und diese Geschichte soll nicht ausradiert werden, um die Verbrechen der Gegenwart zu rächen. Im Gegensatz zu dem Schandfleck auf dem Dr.-Karl-Lueger-Platz oder der kitschigen Che-Guevara-Büste im Donaupark gehört das Rote-Armee-Denkmal nach Wien und soll da stehen bleiben.« Es folgt, ganz in der Diktion Rathkolbs, eine Schelte der noch immer nicht völlig beendeten österreichischen Wirtschaftskontakte mit Putins Rußland. Abschließend heißt es, »die Gegenwart in Russland werde von Erzählungen und Mythen über die Vergangenheit stark beeinflusst. Eines davon sei das Ressentiment, der sowjetische Beitrag zum Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg sei nie ausreichend gewürdigt worden. Es ergibt keinen Sinn, dieses selbstmitleidige Narrativ durch einen Abbau des Heldendenkmals zu bedienen.«19

Die wenige Tage später ebenfalls in Form eines Gastkommentars veröffentlichte Antwort des österreichischen Politikwissenschaftlers Martin Malek (geboren 1965) hielt Hoare zunächst entgegen, nichts spreche dagegen, der Ukraine sowohl Geld als auch Gesten zukommen zu lassen. Die Quintessenz seiner Gedanken teilte Malek seinen Lesern gleich zu Beginn mit: »Anstelle [richtig: an die Stelle] des Sowjetdenkmals auf dem Wiener Schwarzenbergplatz sollte ein Monument für die Opfer totalitärer Regimes und Diktaturen treten.« Auf das Argument, ein Abriß des Denkmals würde Geschichte ausradieren, erwidert er treffend: »Doch soll man wirklich glauben, daß ohne dieses die Erinnerung an die zwischen der Sowjetarmee und der deutschen Wehrmacht geführte Schlacht um Wien (März/April 1945) verblassen oder verschwinden würde?« Er fährt fort: »Es würde Russland nämlich ohne diesen stalinistischen Kitsch schwerer fallen, in und mit Österreich seine eigene ›Auslandsgeschichtspolitik‹ und Propaganda zu betreiben und sich damit als ›ewiges Opfer des Westens‹ darzustellen. Gegenüber der Ukraine ist es Täter und nichts außerdem.« Dann bringt Malek ein neues Argument ein, nämlich den Umstand, daß sich alljährlich am 9. Mai allerlei zwielichtige Personen, die als Anhänger Putins zu gelten hätten, rund um das Denkmal versammelten. »Was hat das demokratische Österreich mit diesem Publikum zu tun bzw. was (und warum) will es mit ihm noch zu schaffen haben?« Vielleicht gab sich Malek der Hoffnung hin, die Bundesregierung und/oder die Stadt Wien würden Mittel und Wege finden, die Anlage, ähnlich wie bei Hitlers Geburtshaus in Braunau, ungeeignet für Treffen unerwünschter Kreise zu machen.

Bezüglich seines Vorschlags der Errichtung eines Denkmals für die Opfer totalitärer Regime hält Malek resignierend fest: »Doch das wird wohl nie geschehen. Das offizielle Österreich wird das Denkmal auch und gerade deswegen nicht abreißen, weil in einem solchen Fall die russische Botschaft in Wien […] verbal Amok laufen würde.« Erstaunlicherweise ging auch Malek auf die von Hoare kritisierten Importe russischer Energie nach Österreich ein; er stellte aber einen anderen Zusammenhang mit dem Denkmal her, denn laut Malek könne man in beiden Fällen sehr wohl etwas tun, es fehle jedoch der politische Wille. Abschließend nennt Malek auf die selbst gestellte Frage, wie man diese Untätigkeit erklären könne, eine von mehreren Ursachen, die nach meinem Urteil einer noch dazu unplausiblen Verschwörungstheorie nahekommt: »Ein Teil der Erklärung ist jedenfalls, dass Österreich das Land ist, in dem der öffentliche und mediale Diskurs zum Vernichtungskrieg des totalitären Russland gegen die Ukraine von den Experten Gerhard Mangott (ehemals in Putins ›Valdai-Klub‹), Christian Wehrschütz (ehemals ›Aula‹ und FPÖ), Klaus Woltron (hauptberuflich ›Krone Bunt‹, nebenberuflich Pensionist), Walter Feichtinger (Geopolitiker, in der Freizeit Pensionist) sowie Westenthaler & Cap (›Fellner Live‹) dominiert, wenn nicht bestimmt wird. Wenn man sich das in seiner vollen Tragweite vergegenwärtigt, wundert man sich gleich erheblich weniger.« Was genau mit dem Denkmal passieren soll, bleibt Malek seinen Lesern schuldig. Er scheint aber der radikalen Lösung eines Abrisses nahezustehen.20

Frappierend ist jedenfalls, welche seltsamen Zusammenhänge mit dem Russendenkmal beide Gastautoren der Presse, so sehr ihre Meinungen in allem Übrigen divergieren, herstellen. Ich wäre, zugegeben, niemals auf die Idee gekommen, hier die Österreichische Mineralölverwaltung (OMV) oder angesehene Experten wie den langjährigen ORF-Auslandskorrespondenten Wehrschütz (geboren 1961), dessen Hauptberuf verschwiegen wird, und den früheren Bundesheeroffizier Feichtinger (geboren 1956) ins Spiel zu bringen. Hoare und Malek geht es im Grunde nur am Rande um das Sowjetdenkmal, sondern vielmehr um eine Generalabrechnung mit der österreichischen (und europäischen) Politik gegenüber dem Rußland in der Ära Putins, wobei obendrein unter den Tisch fällt, daß Putin in der ersten Phase seiner Herrschaft noch wenig Anlaß zu Besorgnis und Kritik gab.

Erwähnung verdient, daß Ende 2025 sogar Regionalmedien wie Mein Bezirk über Pläne einer Umgestaltung des Schwarzenbergplatzes berichteten, bei der allerdings die Russische Föderation aufgrund der Vereinbarungen im Staatsvertrag von 1955 ein erhebliches Mitspracherecht habe. Über den Umfang dieses Rechts war man sich damals offenbar uneins. Mein Bezirk stellte eine Verbindung zweier Einmischungen von außen her: bei der Umgestaltung des Heumarkts seitens der UNESCO, beim Schwarzenbergplatz seitens Rußlands. Sollte der Platz umgestaltet werden, könnten »gröbere Veränderungen der Umgebung« nur mit Zustimmung Rußlands erfolgen, wie das Bundesministerium für Inneres auf Anfrage bestätigte. Als Beispiele nannte das Ministerium etwa »wesentliche Niveauveränderungen des Platzes« oder »wesentliche Änderungen der Zugangswege zum Denkmal«. Skurril mutet an, daß die geforderte Aufstellung öffentlicher Toiletten auf dem Platz bei den zuständigen Stellen auf Ablehnung stieß, denn diese würden das »würdige Erscheinungsbild bzw. die Umgebung des Denkmals beeinträchtigen«. Mein Bezirk fragte beim Innenministerium außerdem nach, ob der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine etwas an der Situation geändert habe beziehungsweise inwiefern man mit den Russen das Denkmal betreffend kommuniziere. Die Antwort lautete, daß vor allem ein »sachlicher Informationsaustausch« zur Koordinierung von Gedenkakten und Erhaltungsarbeiten zwischen der russischen Botschaft sowie dem österreichischen Innen- und Außenministerium stattfinde. Obendrein müsse auch vom Bundesdenkmalamt eine Zustimmung für »jede Veränderung, die den Bestand, die überlieferte Erscheinung oder künstlerische Wirkung dieses Denkmals beeinflussen könnte«, eingeholt werden.21

Unverkennbar ist anhand solcher Aussagen, daß die österreichische Politik auch nach vier Jahren Krieg in der Ukraine und ungeachtet permanenter wohlklingender Beschwörungen der Solidarität mit Kiew ängstlich alles vermeidet, was die Russen reizen könnte — wohlwissend, welch sensible Causa das Sowjetdenkmal für sie ist. Die Verpflichtungen, die Österreich in seinem Staatsvertrag 1955 eingegangen war, dienen als willkommenes Feigenblatt und schaffen einen politischen Konsens quer durch alle Parteien, sodaß es im Parlament keine Initiativen gab oder gibt, etwas Nennenswertes zu ändern. Obendrein gibt es sicher wichtigere Aspekte im österreichisch-russischen Verhältnis, bei denen sich ein Konflikt ohne Gesichtsverlust kaum vermeiden läßt. Man denke etwa an die in den Medien vieldiskutierten Spionageaktivitäten der russischen Botschaft in Wien.

Im Wiener Gemeinderat kam das Russendenkmal im Februar 2026 in einem ein wenig skurrilen Zusammenhang zur Sprache. Es ging um den von den Fraktionen von ÖVP und FPÖ unterstützten Vorschlag, auf dem Kahlenberg ein Denkmal für den polnischen König Jan Sobieski (1629—1696), der mit seinem Entsatzheer 1683 maßgeblich zur Beendigung der zweiten Türkenbelagerung Wiens beigetragen hatte, zu errichten. Die Begründung lautete unter anderem, wenn es in der Stadt neben dem Monument am Schwarzenbergplatz Erinnerungsorte für Stalin und Che Guevara (1928—1967) gebe, spreche nichts gegen eine Ehrung des Polenkönigs. Die Mehrheit im Gemeinderat hat bisher alle derartigen Initiativen abgelehnt, unter anderem mit der Begründung, man würde damit die zahlreichen türkischstämmigen Bewohner Wiens beleidigen.22

Fazit

Für die Stadt Wien ist und bleibt das Denkmal so gut wie sakrosankt. Anläßlich des 75. Jahrestags der Einweihung erschien im Sommer 2020 auf der Webseite des Wien Museums ein längerer Artikel, bei dem man kritische Töne mit der Lupe suchen muß: »Mit dem Ende der Sowjetunion kamen vereinzelt Debatten um die Entfernung des ›stalinistischen Mahnmals‹ auf, die jedoch meist rasch verstummten.« Als Beleg zitiert die Autorin ausgerechnet eine Ansprache Putins, in der er an die Befreiung Wiens durch die Rote Armee erinnerte. Scheinbar »hätten sich die Wiener*innen weitgehend mit dem Gedächtnisort arrangiert. […] 75 Jahre nach Kriegsende bleibt das Russendenkmal, mit all seinen Kontroversen und Widersprüchlichkeiten, als Erinnerungsort für die Befreiung vom Nationalsozialismus von Relevanz. In seinen klaren Botschaften als auch Ambivalenzen gründet die besondere Aussagekraft des ersten Bauwerks der Zweiten Republik.«23

Das klingt nicht viel anders als die Webseite der Botschaft der Russischen Föderation in Wien, die dem Monument unter der Überschrift »Wiener Symbol für Freiheit und Frieden« eine eigene Unterseite mit etlichen Abbildungen widmet. Interesse verdient folgender Hinweis: »2016 wurde es [das Denkmal] auch auf einer russischen Münze der Serie ›Hauptstädte Europas, die von der Roten Armee vom Faschismus befreit worden sind› abgebildet.« Abschließend hält die Botschaft, ähnlich wie das Wien Museum, fest: »Die Erinnerungskultur und das Entgegenwirken der Versuche, unsere gemeinsame Geschichte umzuschreiben ist heute aktueller denn je und es bedarf einer ganz besonderen Aufmerksamkeit bei der Erziehung der jüngeren Generationen. Das Heldendenkmal am Schwarzenbergplatz als Symbol der Befreiung vom Faschismus für Freiheit und Frieden in Europa ist ein unentbehrlicher Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Wir müssen uns öfters daran erinnern, um ein friedliches Leben weiterhin zu gestalten und die Herausforderungen der modernen Welt zusammen bewältigen zu können.«24

Es bleibt ein kaum zu begreifendes Kuriosum, daß jene Kreise, für die es ansonsten niemals genug Kontextualisierungen, Umbenennungen, Sensibilisierungen und Schräglagen geben kann und die in anderen Fällen aus jeder Mücke einen Elefanten machen, beim Russendenkmal eisern schweigen und auf Nachfrage wenig bis keinen Diskussionsbedarf erkennen wollen. Mehr als vier Jahre Krieg in der Ukraine haben daran nichts Wesentliches geändert. Selbst der Umstand, daß dort der Massenmörder Stalin zu Wort kommt, hat bis heute keine Folgen. Damit bestätigt sich ein weiteres Mal, was bereits vor mehr als zehn Jahren für den Umgang mit antisemitischen Äußerungen des Christlichsozialen Karl Lueger und des Sozialdemokraten Karl Renner konstatiert wurde: Geht es um vermeintliche oder wirkliche Verfehlungen dem linken oder dem rechten Lager zuordenbarer Personen, mißt man in der Debatte um die Erinnerungskultur und den angemessenen Umgang mit unserer Geschichte durchgängig mit zweierlei Maß.25 Der Kampf gegen den »Faschismus«, dem man gerne alles zuschreibt, was nicht dezidiert links ist, oder — noch pauschaler — gegen »Rechts« entschuldigt so gut wie alles.

Es liegt auf der Hand, daß sich das Monument am Schwarzenbergplatz allein wegen seiner schieren Größe und Masse einer Schräglegung entzieht und seinem Abbau völkerrechtliche Verpflichtungen entgegenstehen — zumindest so lange, als die Republik Österreich noch halbwegs normale diplomatische Beziehungen zur Russischen Föderation unterhält. Warum es allerdings bisher trotz jahrelanger Debatten nicht zur Anbringung einer Zusatztafel, zur ansonsten stets bemühten Kontextualisierung des Denkmals, gekommen ist, ist schlichtweg unverständlich.

 

  1. Vgl. die kritische Biographie von John W. Boyer, Karl Lueger (1844—1910). Christlichsoziale Politik als Beruf, Wien/Köln/Weimar 2010.
  2. Jürgen Angerer, Die »Tegetthoff-Kontroverse« 2013 bis 2016: politische Auseinandersetzungen um Erinnerungskultur am Beispiel des Denkmals für Admiral Wilhelm von Tegetthoff in Graz, Masterarbeit Universität Graz 2021.
  3. ORF, 11.6.2026. Alle zitierten Links zuletzt abgerufen am 11.9.2026.
  4. Kleine Zeitung, 9.6.2026.

  5. Hierzu erschöpfend Markus Reisner, Die Schlacht um Wien 1945. Die Wiener Operation der sowjetischen Streitkräfte im März und April 1945, Berndorf 22021.
  6. Rathauskorrespondenz, Historischer Rückblick aus dem Jahr 1947.

  7. Zum Kontext Barbara Stelzl-Marx, Stalins Soldaten in Österreich. Die Innenansicht der sowjetischen Besatzung 1945—1955, Wien/München 2012, insbesondere 466ff.
  8. Michael Eichmair, Fakultät für Mathematik, Universität Wien.
  9. ORF, 7.5.2005.
  10. Matthias Marschik/Georg Spitaler (Hg.), Das Wiener Russendenkmal. Architektur, Geschichte, Konflikte, Wien 2005.
  11. Steffi Töpfer, Ungeliebtes Erbe. Die sowjetischen Ehrenmale in Berlin und Wien 1945 bis 2010, Dresden 2022, insbesondere 93—130 zu Wien.

  12. Frank-Lothar Kroll, Das Schattenreich. Russlands langer Abschied von Europa, Berlin 2026, 226.
  13. Näheres bei Günther Haller, Café Untergang. Stalin, Hitler, Trotzki, Tito 1913 in Wien, Wien 2023, 18—24, 142—149.

  14. ORF, 1.3.2022.
  15. ORF, 2.4.2022.
  16. Heute, 9.5.2022.
  17. Presse, 9.5.2022.
  18. Falter, 12.9.2022.
  19. Presse, 28.2.2024.
  20. Presse, 4.3.2024.
  21. Mein Bezirk, 17.12.2025.
  22. Stadt Wien, Gemeinderat, 11. Sitzung vom 18.2.2026, Wörtliches Protokoll.
  23. Wien Museum, Das erste Bauwerk der Zweiten Republik. 75 Jahre »Russendenkmal« am Schwarzenberplatz.

  24. Botschaft der Russischen Föderation in der Republik Österreich, Wiener Symbol für Freiheit und Frieden.
  25. Franz Schausberger, Karl Lueger und Karl Renner. Zweierlei Maß in der österreichischen Gedenkkultur, in: Andreas Kohl/Günther Ofner/Stefan Karner/Dietmar Halper (Hg.), Österreichisches Jahrbuch für Politik 2012, Wien/Köln/Weimar 2013, 483—491; Michael Dippelreiter/Franz Schausberger, Straßenumbenennungen — weiter Richtung »Neurosenweg«?, in: Andreas Kohl/Günther Ofner/Stefan Karner/Dietmar Halper (Hg.), Österreichisches Jahrbuch für Politik 2013, Wien/Köln/Weimar 2014, 431—443; Stephan Roth, Auf der Suche nach Martin Luther und Karl Kolarik oder warum Kritik am Wiener Straßennamenbericht nottut, in: ebenda, 419—430.