Markus Lehner
Caritas. Die Soziale Arbeit der Kirche. Eine Theoriegeschichte
Freiburg im Breisgau
Lambertus
1997
399 S.
Habilitationsschrift, Universität Würzburg
Rezensent: Michael Pammer
Historicum, Herbst 1997, 7—8
Mit dem Begriff Caritas verbindet sich nicht nur die heutige gleichnamige Organisation der katholischen Kirche, sondern darüber hinaus auch die über Jahrhunderte gehende Rolle der Kirche im Umgang mit Armut. Wie die Kirche diese Rolle ausfüllte, war von Epoche zu Epoche unterschiedlich; in den letzten drei Jahrhunderten hing dies stark von den Rahmenbedingungen ab, die der im Sozialbereich immer aktiver werdende Staat schuf. Die Kirche paßte sich teils notgedrungen, teils freiwillig an diese wechselnden Bedingungen an, zeigte aber auch, wie Markus Lehner darlegt, unabhängig davon in ihrer eigenen Wahrnehmung von Armut und in der Begründung ihres eigenen Handelns spezifische Wandlungen.
Die Arbeit, deren Druckfassung an der Universität Würzburg als Habilitationsschrift angenommen wurde, fällt in mehrfacher Hinsicht aus dem Rahmen der Besprechungsreihe des Historicum. Zum einen ist der Autor kein Historiker, sondern nach der erteilten Lehrbefugnis Pastoraltheologe mit dem Schwerpunkt Caritaswissenschaft (von seiner Ausbildung her ist Lehner Volkswirt und katholischer Theologe); zum anderen wurde Lehner die Lehrbefugnis an einer deutschen Universität erteilt, obwohl der Autor an der Katholisch-Theologischen Hochschule Linz tätig ist und die Arbeit hier geschrieben wurde.
Der Band ist recht klar aufgebaut. Nach einem einführenden Teil, in dem der Autor die Stellung der Caritas in der Pastoraltheologie bzw. der Theologie überhaupt bestimmt und methodische Fragen im Zusammenhang seiner historischen Untersuchung bespricht, folgen die drei Hauptteile für die Zeiträume 1740 bis 1848, 1848 bis 1945 und 1945 bis 1995. Das abschließende Resümee ist ganz kurz ausgefallen. Die epochenspezifischen Teile sind alle in gleicher Weise eingeteilt, mit einem ersten Abschnitt mit einer allgemeinen wirtschafts- und sozialhistorischen Charakterisierung der Epoche, einem weiteren über pastoraltheologische Begründungsmuster caritativer Arbeit und einem abschließenden Kapitel über die institutionelle Umsetzung dieser Vorstellungen im Staat und in der pastoralen Arbeit.
So klar dieser Aufbau ist, so sehr stellt sich die Frage, wie kohärent die drei Epochen jeweils sind. Die Stichworte, unter die sie gestellt werden, geben in den ersten beiden Teilen die Interpretationsrichtung an: Obrigkeitliche Caritas und Demonstrative Caritas stellen die caritative Arbeit der Kirche in den Zusammenhang der Instrumentalisierung kirchlicher Institutionen für die Zwecke staatlicher Sozialpolitik, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts besonders weit ging und anschließend zugunsten selbstgesteuerter Aktivitäten der Kirche an Bedeutung verlor (der Titel Funktionale Caritas für die Nachkriegszeit sagt hingegen gar nichts). Dennoch kann insbesondere der Zeitraum zwischen 1848 und 1945 sicher nicht als Einheit aufgefaßt werden.
Schwerwiegender als dieser eher redaktionelle Gesichtspunkt wiegen inhaltliche Probleme. Es ist naheliegend, daß eine Arbeit über Caritas stärker dazu tendieren wird, Armut in den Blick zu nehmen und ihre Bedeutung in einer bestimmten Epoche besonders hervorzuheben; auch ist zuzugestehen, daß sich eine »Theoriegeschichte« bei der Beschreibung sozialer Zustände auf eine referierende Zusammenfassung der einschlägigen Forschung beschränken kann, was in Lehners Arbeit der Fall ist (allerdings überwiegt der theoriegeschichtliche Teil in diesem Band quantitativ gar nicht). Dennoch muß gesagt werden, daß die Darstellung der sozialen Bedingungen und insbesondere der Armut in den letzten zweihundert Jahren in diesem Band nicht wirklich überzeugt: in Lehners Darstellung erscheint die Industrialisierung als Prozeß, der für einen erheblichen oder sogar wachsenden Teil der Bevölkerung über längere Zeit zu einem Absinken des Lebensstandards geführt hat und insoferne die bereits davor wichtige Armutsfrage verschärft hat. Dieser Prozeß hätte bereits im 18. Jahrhundert begonnen. In Wirklichkeit bleibt die Darstellung, soweit es um Belege für diese Einschätzung geht, weitgehend unbestimmt, was auch mit der Forschungslage zusammenhängt, ohne daß der Autor dies explizit ansprechen würde.
Tatsächlich sind bei der Entwicklung des Lebensstandards ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts grundlegende Fragen offen, selbst dann, wenn man den Lebensstandard in einem konventionellen Sinn nur über die Einkommen bestimmt. Um in diesem Sinn eine Einschätzung der Armut und ihrer Ursachen treffen zu können, wäre es notwendig, die Einkommensentwicklung insgesamt und die Veränderung der Einkommensverteilung zu bestimmen. Zeitweise sinkende Löhne in einzelnen Branchen, die es fraglos gegeben hat, geben hier noch keine hinreichende Auskunft.
Weiters ist zu berücksichtigen, daß Lebensstandard über das Einkommen hinaus verschiedene Aspekte hat, die von unterschiedlichen Faktoren bestimmt werden. Der von Lehner angeführte Beleg für ein Absinken des Lebensstandards in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nämlich die Entwicklung der Körpergrößen (S. 75), gibt nur Auskunft über den sogenannten »biologischen Lebensstandard«, der in erheblichem Maß von der demographischen und agrarwirtschaftlichen Entwicklung abhängt. Der biologische Lebensstandard kann sinken, wenn eine Bevölkerung schneller wächst als die Agrarproduktion; ein sinkender biologischer Lebensstandard ist aber durchaus mit einer überproportional wachsenden Versorgung mit gewerblichen Gütern und Dienstleistungen vereinbar, weil die Produktion im gewerblichen und Dienstleistungssektor stärker von anderen Faktoren abhängt.
In einem umfassenderen Sinn wird aber menschliche Entwicklung ohnehin als mehrdimensionaler Prozeß einer Veränderung von Einkommen, Lebenserwartung und Bildung verstanden, eine Auffassung, die für Forschungsarbeiten der letzten Jahre in diesem Bereich bedeutsam ist.1 Ein solcher Ansatz ist in einer Geschichte pastoraler Bemühungen um die Armen nicht anachronistisch, weil ein vielschichtiger Begriff von »Armut«, der verschiedene Formen von Benachteiligung einschließt, dem Denken des 18. Jahrhunderts nicht fremd war. Im Gegenteil zeigt gerade die Reformbürokratie in Österreich, wie sehr Bemühungen um wirtschaftliches Wohlergehen, um eine Förderung der Bildung und eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung derselben Quelle entsprangen; und selbst diese Auffassung war keine Neuerung, denkt man daran, wie schon in den Jahrhunderten davor unter dem Begriff Arme ebenso Kranke wie materiell Unversorgte verstanden wurden. Obwohl die verschiedenen Aspekte von Lebensstandard und Entwicklung in Österreich noch nicht zufriedenstellend erforscht sind, läßt sich zumindest sagen, daß die bei Lehner dominierende pessimistische Sicht der tatsächlichen Entwicklung selbst in der Frühphase der Industrialisierung wohl nicht gerecht wird.
Für die Wahrnehmung der Armutsproblematik und die von der katholischen Kirche angestrebten Lösungen ist dies freilich nur von begrenzter Bedeutung, da für die sozialen Aktivitäten der Kirche und die Rhetorik des Klerus praktisch nie die wirkliche soziale Lage wesentlich war, sondern die Situation, so wie man sie sich vorstellte. Wie zu erwarten, werden in den Erklärungen der Autoren, die sich der Armutsfrage widmen, im Lauf der Zeit einige durchgehende Grundthemen mehr oder weniger stark variiert, wobei die Bezüge zur zeitgenössischen Diskussion immer wieder deutlich werden. So finden wir im 18. Jahrhundert die moralisierende Variante, die bei zeitgenössischen Autoren auch sonst zu finden ist, in den klerikalen Schriften wieder: sie betont mit der scharfen Unterscheidung zwischen würdigen und unwürdigen Armen die Verantwortung des Einzelnen für seine Lage und hebt auch die Erbauung hervor, die bescheidenen Armen und mildtätigen Reichen zuteil wird. Vieles von dieser Rhetorik bleibt über Jahrzehnte erhalten; das Bild vom unwürdigen Armen und die moralisierenden Querverbindungen zu den Folgen von Unsittlichkeit und Unmäßigkeit kennzeichnen die Beiträge von Klerikern zum Thema im späten 19. Jahrhundert ebenso wie hundert Jahre zuvor. Dazu tritt aber in dieser Zeit eine stärkere Tendenz, die Auseinandersetzung mit den weltanschaulichen Konkurrenten unmittelbar auf die sozialen Fragen zu projizieren - kein Zufall, ging es doch darum, den eigenen katholischen Standpunkt gegenüber Liberalismus und Sozialismus zu definieren. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verschwindet die moralisierende Abqualifikation der Armen praktisch völlig; umso stärker tritt nun die moralisierende Beurteilung der nun eher abstrakt wahrgenommenen Reichen (im Kommentar über die internationale Verteilung sind es die entwickelten Länder) in den Vordergrund - Gute Menschen benutzen hier gerne Ausdrücke wie »strukturelles Unrecht« und ähnliches (vgl. S. 275). Obwohl die moralisierende Sichtweise als solche in diesen Kommentaren eine Konstante über die Jahrhunderte darstellt, tritt sie doch in so verschiedenen Spielarten auf, daß Lehners Befund einer äußerst wandlungsfähigen Caritas zuzustimmen ist.
Umso mehr gilt dies für die institutionelle Seite, bei der die Kirche entweder selbst neue Formen entwickelte oder aktuelle Formen übernahm, ob dies nun freiwillig oder gezwungen geschah. Im 18. Jahrhundert wurde die katholische Pfarrorganisation mit der Einführung der Armeninstitute überhaupt zur Basis eines halb staatlichen, halb kirchlichen Systems der Armenversorgung, an dem sich viele Pfarrer gerne (und die übrigen ungerne, aber dennoch) beteiligten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand nach und nach eine Fülle von vereinsmäßig oder genossenschaftlich organisierten Vereinigungen, an denen der Klerus federführend beteiligt war. In der Nachkriegszeit wurde die bereits vor dem Zweiten Weltkrieg entstandene Idee verwirklicht, die Caritas auf der Pfarrebene institutionell zu verankern; die Pfarrgemeinde bietet auf diese Weise einen räumlichen Bezugsrahmen und Leitungsstrukturen, die in die Pfarrverwaltung integriert sind. Daß Caritas einen Bezug zu den Pfarren hat, ist damit eine Konstante, da nicht nur die Armeninstitute des 18. Jahrhunderts in den Pfarren angesiedelt waren, sondern auch viele Vereine und Genossenschaften des 19. und frühen 20. Jahrhunderts de facto mit den Pfarren zusammenhingen (wenngleich sie formal nicht Teil der Pfarren waren). Die stärkste Veränderung in der Organisation liegt in der Selbstbestimmtheit der Caritas ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die die obrigkeitliche Steuerung der ersten Jahrzehnte ersetzte.
Der Zusammenhang zwischen den drei in dieser Arbeit behandelten Aspekten des Themas — wirtschaftliche Entwicklung, Wahrnehmung der sozialen Frage, organisatorische Umsetzung caritativer Anliegen — bleibt vage, was auch in der Sache selbst begründet ist. Die Vorstellung der in die Untersuchung einbezogenen Autoren vom Ausmaß von Armut war früher wie heute verhältnismäßig unabhängig von der wirklichen sozialen Situation und hat eher mit einem allgemeinen moralischen Appell an die Gläubigen zu tun. Die organisatorische Seite hing ohnehin immer von den Zufällen der zeitgenössischen institutionellen Möglichkeiten ab. Trotzdem bemüht sich Lehner immer wieder, die drei Bereiche zusammenzubringen, nicht ohne gelegentlich über das Ziel hinauszuschießen; so läßt sich die Behauptung, der Rückgang caritativer Aufwendungen in der breiten Bevölkerung während des 18. Jahrhunderts sei mit »der prekären wirtschaftlichen Lage Österreichs« zu erklären (S. 132), aus den Quellen nicht begründen: caritative Aufwendungen wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht nur der Höhe nach geringer, sondern überhaupt unpopulärer, das heißt weniger häufig — und dafür war die wirtschaftliche Lage nicht verantwortlich.
Lehners primäre Quellen sind publizistische Quellen verschiedener Art, von Zeitschriftenbeiträgen über pastorale Traktate bis zum pastoraltheologischen Lehrbuch. Die Teile über die allgemeine wirtschaftliche und soziale Entwicklung und wesentliche Abschnitte der institutionengeschichtlichen Kapitel wurden auf der Basis der vorhandenen Literatur verfaßt. Damit liegt der neue Beitrag des Werks, wie schon im Titel zum Ausdruck kommt, im »theoriegeschichtlichen« Teil. Die Zeitschriftenbeiträge stammen alle aus der Linzer Theologisch-praktischen Quartalschrift bzw. ihrer Vorgängerin, der Theologisch-praktischen Monathschrift. Obwohl diese Zeitschrift nicht nur in Oberösterreich rezipiert wurde, ist damit doch eine ausgeprägte regionale Schwerpunktsetzung verbunden. Wichtiger noch ist die Konzentration auf relativ wenige Autoren, die für den Klerus repräsentativ sein mögen, aber jene Vorstellungen, die für die Masse der Katholiken maßgebend waren, womöglich nur in begrenztem Ausmaß vertraten. Im 18. Jahrhundert zeigt sich jedenfalls eine deutliche Diskrepanz zwischen dem, was der Klerus im populären Schrifttum vertrat, und dem, was die Masse der Gläubigen für verbindlich hielt. Man darf annehmen, daß dies in der Folgezeit ähnlich war, eine Vermutung, die jedoch zu überprüfen wäre.
Vgl. zuletzt N. F. R. Crafts, The Human Devolopment Index and changes in standards of living: Some historical comparisons, European Review of Economic History 1 (1997), 299—322.