Peter Schöttler

Der Tote Nr. 14

Marc Bloch, Historiker und Résistance-Kämpfer

 

August 2026

Peter Schöttler war Directeur de Recherche am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris.

2026 erschien von ihm: Marc Bloch. Une biographie intellectuelle, Paris (Gallimard).

Marc Bloch (rechts) 1917 in Algerien. Bild: Wikipedia

Am Abend des 16. Juni 1944 verließ ein Autokonvoi das Gefängnis von Montluc im Zentrum von Lyon. In der Mitte ein Kleinlaster mit dreißig Gefangenen, je zwei aneinander gekettet. Davor und dahinter schwarze Citroëns mit Gestapo-Beamten in Uniform oder Zivil; außerdem einige französische Kollaborateure waren dabei. Die Fahrt ging erst zur Gestapo-Zentrale an der Place Bellecour, dann die Saône entlang in nördlicher Richtung. Es nieselte. Nach etwa einer Stunde, in der Nähe von Saint-Didier de Formans, hielt die Kolonne an. Nach und nach wurden die Gefangenen losgekettet und auf eine umzäunte Wiese getrieben. »Sobald wir einige Meter gelaufen waren«, erinnerte sich einer der zwei Überlebenden, »wurden wir durch Maschinenpistolensalven in den Rücken niedergestreckt. Ich selbst wurde zunächst nur verletzt und habe mich tot gestellt … Als die Hinrichtung zu Ende war, gingen die Schützen von Leiche zu Leiche und feuerten noch eine Salve ab, also eine Art Gnadenschuß. Zu diesem Zeitpunkt bekam ich drei Kugeln in den Kopf und verlor das Bewußtsein …« Unter den 28 ermordeten Widerstandskämpfern war auch der Mediävist Marc Bloch. Erst viele Wochen später wurde seine Leiche eindeutig identifiziert: Er war der Tote Nr. 14.

Anders als die meisten seiner Kollegen ist Marc Bloch also nicht in seinem Bett oder am Schreibtisch gestorben. Das wird ihn auf immer unterscheiden, zumal von jenen, die zwar gerne vom Heldentod schwadronierten (»dulce et decorum est pro patria mori«), aber selbst jedes Risiko scheuten. Bloch dagegen, der schon im ersten Weltkrieg gekämpft hatte, aber kaum darüber sprach, weil er das Veteranengerede haßte, setzte sein Leben aufs Spiel, weil er die Barbarei des Nationalsozialismus politisch und intellektuell — also auch als Historiker — nicht ertrug. Er hätte 1940 nach New York emigrieren können — die New School of Social Research hatte ihm einen Ruf erteilt und die Vichy-Regierung diese »Gastprofessur« genehmigt —, aber er entschied sich zu bleiben und schloß sich dem Widerstand an. Noch als Mittfünfziger und obwohl er unter Polyarthritis litt und häufig einen Gehstock brauchte, mischte er sich unter die jungen Aktivisten und kämpfte für die Befreiung seines Landes. 

Am 8. März 1944 wurde Bloch auf einer Rhone-Brücke verhaftet. Tagelang wurde er von Barbie und seinen Schergen gefoltert und verhört. Am Ende kannte die Gestapo seine wahre Identität, die er unter Decknamen wie »Blanchard« oder »Narbonne« verborgen hatte. Nicht nur die Vichy-Presse, sogar der Völkische Beobachter meldete triumphierend: »Jude leitete die Mordbanden in Frankreich.« Und die deutsche Botschaft telegraphierte dem Auswärtigen Amt: »Pariser Presse berichtet in grosser Aufmachung über Verhaftung Generalstabs der französischen Widerstandsbewegung in Lyon. Chef dieses Stabes war französischer Jude namens Block [!] mit Pseudonym Narbonne.« Auch im Kriegstagebuch des OKW wurde diese Verhaftung ausdrücklich vermerkt. Da jedoch dessen Redaktion von dem Mediävisten Percy Ernst Schramm geleitet wurde, mit dem sich Bloch mehrfach wissenschaftlich duelliert hatte, gab es also mindestens einen deutschen Historiker, der frühzeitig gewußt haben könnte, in welch tödlicher Gefahr er sich befand. Hätten Schramm und andere also zwischen März und Juni 1944 das Leben ihres prominenten Fachgenossen vielleicht durch eine Eingabe retten können? Und war es vielleicht sogar Blochs Hoffnung, als er seinen wahren Namen offenbarte, eine solche internationale Resonanz auszulösen? Vergleichbar der Verhaftung und Deportation von Henri Pirenne im Jahr 1916? Diese Frage wird immer offen bleiben. Während Bloch über Schramm sagte, »das ist jemand!«, klang in Schramms späterer Formulierung von dem »auf gemeine Weise ermordeten Marc Bloch« vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen an, das dieser Tod bei einem Mitwissenden auslösen mußte.

In der wissenschaftlichen Welt war Bloch jedenfalls kein Unbekannter. Auf dem internationalen Historikerkongreß von 1928 hatte er ein vielbeachtetes Plädoyer für eine »vergleichende Geschichte der europäischen Gesellschaften« gehalten. Im Jahr darauf lancierte er gemeinsam mit seinem Straßburger Kollegen Lucien Febvre eine neue Zeitschrift für  Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, die zunächst ein Geheimtipp war, bald aber unter dem Namen Annales weltberühmt wurde. 1931 veröffentlichte er eine Agrargeschichte Frankreichs, die international für Aufsehen sorgte, und im Winter 1939/40 eine zweibändige Geschichte der Feudalgesellschaft, die trotz des jüdischen Autornamens auch in deutschen Fachzeitschriften besprochen wurde. Bloch selbst war außerdem als Rezensent bekannt und gefürchtet, da er immer wieder über die deutsche Fachliteratur berichtete. Einmal, im Herbst 1939, wäre es fast zu einer persönlichen Konfrontation mit den sogenannten »Volkshistorikern«, wie Ipsen, Conze oder Pleyer, gekommen, die auf dem internationalen Soziologenkongreß in Bukarest über die »Entjudung« Osteuropas sprechen wollten. Dagegen hätte Bloch, wie stets, für eine Agrargeschichte ohne »Volksgemeinschaft« und ohne »den« Bauern im Singular plädiert. Alle Referate wurden tatsächlich gedruckt, aber der Kongreß fand nie statt. 

Als Bloch in die Fänge der Gestapo geriet, war er in deren Augen natürlich ein „Jude“. Aber erstaunlicherweise wurde er trotzdem nicht deportiert — noch im August ging ein letzter »Judentransport« von Lyon nach Auschwitz —, sondern nach den Qualen der Folter ins Lazarett gebracht und später in eine Gemeinschaftszelle gesperrt, wo er seinen Mitgefangenen Geschichtsunterricht erteilte. Möglicherweise wollte man den Sorbonne-Professor also in Reichweite haben, um ihn als Geisel oder Faustpfand gegenüber der Résistance zu verwenden. Erst nach der Landung der Alliierten in der Normandie und kurz vor dem Abzug der Wehrmacht, als die Gestapo begann, die Gefängnisse »leerzuschießen«, wurde auch Bloch als einer der Köpfe des Widerstandes auf die Todesliste gesetzt. 

Obwohl er also nicht als »Jude« ermordet wurde, sondern als Résistance-Kämpfer, ist Blochs Judentum bis heute umstritten. Während ein Rabbiner wie Leo Trepp ihn nach dem Krieg zum Abtrünnigen stempelte, konnten sich liberale Juden in akademischen Berufen mit ihm identifizieren, weshalb er vor allem in den USA zur Ikone wurde. Genau genommen war Bloch Atheist, und auch seine Kinder wuchsen ohne religiöse Bindung auf. Doch schon in den dreißiger Jahren nahm er den wachsenden Antisemitismus wahr, und als das Vichy-Regime ihm 1940, in vorauseilendem Gehorsam, die Lehrbefugnis entzog, sah er sich mit einer »rassischen Identität« konfrontiert, die er ausdrücklich ablehnte. Deshalb verweigerte er auch die Mitgliedschaft in der »Union des Israélites de France« und sammelte stattdessen Unterschriften prominenter Kollegen, die ebenso wie er »nichts als Franzosen« sein wollten. In seinem Testament von 1941 bat er um eine »rein weltliche Bestattung«, bei der jedoch »ein Freund« eine Erklärung verlesen sollte, die mit dem Satz beginnt: »Ich habe nicht den Wunsch geäußert, daß an meinem Grab hebräische Gebete gesprochen werden, obwohl ihre Rhythmen so viele meiner Vorfahren und noch meinen Vater zur letzten Ruhe begleiteten.« Das wäre in seinen Augen nämlich Heuchelei, und »Willfährigkeit gegenüber der Lüge, unter welchem Vorwand auch immer« sei für ihn »der schlimmste Aussatz der Seele«. Blochs Vorbild ist hier der große Orientalist Ernest Renan, ein abgesprungener Seminarist, dessen Bücher auf dem Index standen und dessen Grabspruch »dilexit veritatem« er übernehmen will: »In dieser Stunde des letzten Abschieds, da jeder Mensch verpflichtet ist, sein eigenes Wesen zusammenzufassen«, sei es ihm unerträglich, daß in seinem Namen »auf Formeln einer Orthodoxie« zurückgegriffen werde, »deren Credo ich nicht teile«. Doch ebenso zuwider sei es ihm, »wenn jemand in diesem Akt der Redlichkeit etwas zu erkennen meinte, was nach feiger Selbstverleugnung aussähe«. Kurzum, er sei »als Jude geboren« und habe nie daran gedacht, dies zu verhehlen — auch wenn ihm »jeder konfessionelle Formalismus und jede angebliche rassische Verbundenheit« fremd sei.

Sowohl aufgrund seiner besonderen Biographie als auch seines wissenschaftlichen Oeuvres wird Marc Bloch heute überall auf der Welt bewundert und von vielen, teilweise konträren Strömungen reklamiert. Kaum ein Historiker wird so häufig zitiert, und zahllose Institutionen tragen mittlerweile seinen Namen. Nicht immer zu Recht: Als vor einigen Jahren französische Europa-Skeptiker eine »Fondation Marc Bloch« gründeten, sahen sich die Nachkommen gezwungen dagegen vorgehen. Jeder Geschichtsenthusiast hat heute jedenfalls seinen eigenen »Marc Bloch«: mal eher Wirtschaftshistoriker oder Kulturhistoriker, mal eher Patriot oder Jude, mal eher Sozialist oder Konservativer. So als ob es den wahren Bloch nie gegeben hätte.

In Deutschland tat man sich mit Bloch besonders schwer. Im Kalten Krieg galt er vielen Historikern als Kryptomarxist. Erst 1974 wurde ein Buch von ihm übersetzt (Apologie der Geschichtswissenschaft), aber »nur« in einer geschichtsdidaktischen Reihe. Mit der Entdeckung der Annales durch eine jüngere Historikergeneration wuchs dann zwar die Resonanz, doch nun kam die Kritik von der anderen Seite: Bloch sei zu »objektivistisch« und nicht »marxistisch« genug. Mittlerweile gibt es nur noch Bewunderung. Mit der Folge, daß Bloch manchmal als Vorläufer all dessen erscheint, was gerade angesagt ist. Ein bisschen weniger Kult wäre da wohl eher im Sinne des Helden, der nie einer sein wollte und auch von sich selbst nur ungern und meist indirekt sprach: »Jemand, den ich gut zu kennen meine …«

Am 23. Juni 2026 ist Marc Bloch zusammen mit seiner Frau Simonne ins Pariser Panthéon überführt worden.

 

[Der Beitrag ist die überarbeitete Fassung eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.6.2014.]

Peter Schöttler war Directeur de Recherche am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris.

2026 erschien von ihm: Marc Bloch. Une biographie intellectuelle, Paris (Gallimard).