Christoph Heyl

A Passion for Privacy. Untersuchungen zur Genese der bürgerlichen Privatsphäre in London (1660—1800)

Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London 56

 

München
Oldenbourg
2004
574 S.
€ 66,70 

 

Rezensent: Stefan Hofmann

Historicum, Winter 2006/2007, 37—39

 

 

 

 

Die These ist nicht neu: »Im Verlauf des ›langen‹ 18. Jahrhunderts spielte sich in England ein überaus folgenreicher Prozeß ab, der im bürgerlichen Milieu Londons seinen Ausgang nahm. Das Konzept einer zu schützenden Privatsphäre, das in vormodernen sozialen Zusammenhängen vergleichsweise bedeutungslos gewesen war, verbreitete sich nun zusehends. Es etablierten sich im konkreten wie im übertragenen Sinne Bereiche, aus denen man legitimerweise andere Menschen aussperren konnte und in die man nur noch ausgewählte Personen einließ. In diesen abgegrenzten Zonen, die nicht notwendigerweise einer, sondern oft mehreren Personen zugleich zugeordnet waren, entwickelten sich neue Modi des Zusammenlebens« (11). So der Beginn der Buches. Mit den dann folgenden Ausführungen über einige Klassiker zum Thema (Habermas, Sennett und die von Ariès/Duby herausgegebene Geschichte des privaten Lebens) macht der Autor gleich deutlich, daß der Grundgedanke schon früher formuliert wurde. Die Untersuchung, eine Frankfurter Dissertation, geht diesem Vorgang einer Herausbildung der Privatsphäre genauer nach, nutzt dabei ein umfangreiches Spektrum von Quellen und gelangt schließlich zu einem detailreichen, aber immer noch überschaubaren und verständlich dargebotenen Ergebnis.

London als Untersuchungsgebiet ist keineswegs ein typischer Anschauungsfall für das 18. Jahrhundert und wird vom Autor in der Einleitung auch explizit als Sonderfall herausgestellt. Daß man das Thema gerade an dieser Stadt darstellt, begründet sich sogar aus den Besonderheiten: London wurde im Lauf des 17. Jahrhunderts zur größten Stadt Europas (blieb allerdings immer noch in der gleichen Größenordnung wie Paris) und beherbergte einen besonders hohen Anteil der englischen Bevölkerung (die Angabe der Größe der englischen Bevölkerung [81] ist um eine Größenordnung zu hoch, offenbar ein Tippfehler). Es war eine für Zuwanderer offene Stadt, wenngleich die Angabe, es habe keine innerenglischen Zollgrenzen gegeben (81), nicht richtig ist; zum Beispiel berichtet der an anderer Stelle zitierte Karl Philipp Moritz (kein Schweizer, wie Heyl meint [98]) in seinem Reisebericht von drei Zollstationen auf einer Strecke von sechzehn Meilen. Nicht nur räumlich war die englische Bevölkerung mobil — auch die saisonale Mobilität war hoch —, die englische Gesellschaft zeichnete sich auch durch eine vergleichsweise hohe soziale Mobilität aus, da die Standesgrenzen nicht so strikt definiert waren wie auf dem Kontinent und eine Durchlässigkeit in beide Richtungen erlaubten. Wichtig für die Untersuchung von Privatsphäre ist der Umstand, daß es in London eine besondere Art von Öffentlichkeit gab, die sich in umfangreicher Publizistik und einem hohen Grad von Alphabetisierung niederschlug; die Besonderheit Englands lag nicht so sehr im Anwachsen der Literaturproduktion (diese Zunahme gab es auch auf dem Kontinent), sondern im absoluten Unterschied in der Präsenz von Texten jeglicher Art, der zeitgenössischen Beobachtern immer wieder auffiel. Die Rolle der Religion für die Entstehung von Privatheit bleibt fraglich, da die vom Autor zitierten Beispiele etwa von religiös geprägten Tagebüchern kaum verallgemeinert werden können. Die Rolle des Staates in diesem Prozeß wird in diesem Band und in der sonstigen Literatur auf ganz unterschiedliche Weise gesehen: Da trifft man einerseits auf die Erklärung, Privatsphäre habe sich als Refugium in Staaten entwickelt, in denen der absolutistische Staat seine Untertanen ansonsten genauestens überwacht habe (so Ariès/Duby über Frankreich oder auch ein bekanntes Klischee über die biedermeierliche Gesellschaft), eine These, die sicherlich auch in anachronistischer Weise von Erfahrungen totalitärer Überwachung im 20. Jahrhundert geprägt ist, die dann auf die vergleichsweise ineffiziente Überwachung in Staaten des 18. und 19. Jahrhunderts übertragen werden. Heyl stellt demgegenüber die englische Situation heraus, die auch im 18. Jahrhundert eine weitgehende Möglichkeit freier Meinungsäußerung kannte und insofern sicher nicht durch politischen Druck Bürger in eine private Sphäre abdrängte. Der Wunsch nach Privatsphäre ist in diesem Kontext Ergebnis einer zugestandenen Autonomie der Bürger, die eben in dieser Weise genutzt wurde, eine plausible Auffassung, zumal Menschen auch in modernen liberalen Staaten ganz ohne staatlichen Terror das Verlangen nach Privatsphäre haben.

Eher stellt sich die Frage, wieviel es mit der Vorstellung auf sich hat, daß Privatheit im späten 17. und im 18. Jahrhundert überhaupt etwas Neues war. Stimmt es, daß Intimität, Ungestörtheit, Alleinsein als Bedürfnis und Möglichkeit in dieser Zeit erst neu entstanden? Oder handelt es sich um ein Bedürfnis, das Menschen immer gehabt und je nach Möglichkeit auch befriedigt haben? Diese Frage läßt sich am ehesten in einer ins einzelne gehenden Studie wie der vorliegenden beantworten, die Privatheit an verschiedenen Kriterien festmacht und entsprechende Veränderungen im Detail darstellt. Diese Untersuchung umfaßt hier vier Teile, jeweils zu einem wichtigen Aspekt von Privatsphäre.

Zunächst befaßt sich Heyl mit der räumlichen Umgebung, in der Menschen lebten, mit der städtebaulichen Struktur Londons und den Wohnhäusern, wofür jeweils die Situation im 18. Jahrhundert mit den Verhältnissen früherer Zeiten verglichen wird. Städtebaulich fällt in den untersuchten Zeitraum das große Feuer von 1666, das weite Teile Londons zerstörte und zur Notwendigkeit des Neuaufbaus auch die Chance zur Neugestaltung brachte. Diese Chance wurde zwar nicht in vollem Umfang genutzt, da eine tiefgreifende Umgestaltung die Mitwirkung der Bevölkerung erfordert hätte, aber Änderungen gab es zumindest in der Ausführung der Häuser, die nun Zeilen von Ziegelhäusern bildeten, die so gleich aussahen, daß man Hausnummern einführen mußte. Andere Veränderungen wie die (ohnehin beschränkte) Funktionstrennung von Wohn- und Geschäftsgegenden, die Vermehrung des Verkehrs von Fuhrwerken wie Fußgängern, die Anonymisierung des Geschehens auf der Straße mit der damit einhergehenden persönlichen Distanz zwischen den Verkehrsteilnehmern und der Ungehörigkeit spontaner Kontaktaufnahme, »Verkehrsregeln« schon für den Fußgängerverkehr und so weiter sind wohl weniger der städtebaulichen Zäsur durch den Brand als der Vergrößerung der Stadt und der Intensivierung des wirtschaftlichen Lebens zuzuschreiben.

Direkter ist der Zusammenhang zwischen dem Brand und der Wohnsituation in den Häusern. Die neuen Häuser sahen anders aus als die Häuser vor 1666, mit dem Ergebnis, daß sie für Außenstehende unzugänglicher wirkten: Sie waren mit einem Graben versehen, der zugleich die Nutzbarkeit des Kellersgeschoßes verbesserte (und überdies wohl die Mauern trockener hielt) und für den größeren Teil des Hauses einen Abstand zu den Passanten (auch solchen mit dringendem Bedürfnis) schuf. Dies und die neue Sitte, die Haustüren gewöhnlich abzusperren, war bereits Manifestation eines gestiegenen Bedürfnisses nach Privatheit, zusammen mit einigen einzelnen damit einhergehenden neuen Verhaltensweisen, die die Grenze zwischen dem Haus und seiner Umgebung betonten. Innerhalb der Häuser bürgerte sich nun eine schon in den Grundrissen der neuen Wohnstätten vorgegebene stärkere Trennung der Räume (anstelle von Durchgangszimmern) ein, ebenso wie eine klare Funktionstrennung in Wohn- und Schlafräume. Wieviel dieser Prozeß und die damit mögliche Wahrnehmung des Schlafzimmers als Ort eigenen Charakters mit Privatheit zu tun hat, sei dahingestellt — immerhin schliefen, so Heyl, auch im London des 18. Jahrhunderts nicht selten zwei Personen in aller Unschuld im selben Bett, und die Begründung dieses Umstands mit »inkongruenten Traditionsresten […], die sich noch einige Zeit gegen die grundsätzlich dominanten Entwicklungsstränge behaupten« (184), wirkt eher schwach. Das bis weit ins 18. Jahrhundert übliche Lever von Aristokraten vor versammeltem Publikum — das genaue Gegenteil von Intimität und Verbannung des Schlafzimmers aus dem Gesichtsfeld der Öffentlichkeit — spricht hingegen weniger gegen eine immer besser gehütete Privatsphäre, da die »Passion for Privacy« im Sinn des Autors ja eine bürgerliche Angelegenheit war; wie in der Folge noch dargelegt wird (262—263), verhielt sich der Adel auch in der Öffnung seiner Häuser gegenüber Besuchern ganz anders, sprich weit offener, als Bürgerliche.

Funktionstrennung im Haus bedeutete nicht nur eine Trennung in verschiedene Handlungsbereiche der Herrschaft, sondern auch eine Trennung der Sphären von Herrschaft und Dienerschaft, Bewohnern und Besuchern (Dienerschaft, Besucher und Privatsphäre sind Gegenstand des zweiten Teils der Untersuchung). Dies ist ebenso in einem räumlichen Sinn zu verstehen wie im Hinblick auf den persönlichen Umgang, auf den Einblick, den man etwa Dienern in seine intimen Angelegenheiten gewährte, auf den Ausschluß von Dienern von Treffen mit bestimmten Personen und so weiter. Dienstboten waren nun angestellte Fremde und nicht mehr Mitglieder einer erweiterten Familie. Auch für Besucher entwickelten sich neue Spielregeln und neue Funktionsräume, Besuchszimmer, neue Rituale wie das Hantieren mit Visitenkarten (allenfalls als Ersatz für den Besuch selbst), Besuchskleidung auch für die Gastgeber, die Separation von Männern und Frauen nach dem Dinner und so weiter. Heyl konstatiert in diesem Teil das Bestehen mehrerer konzentrisch angeordneter Personenkreise, Zentrum die bürgerliche Familie: »Um diesen Kern legte sich der Bereich der Dienerschaft: Man war im eigenen Haus permanent von Menschen umringt, die insofern Außenseiter waren, als sie nicht zur Familie gehörten […]. Den nächsten Kreis bildeten die Besucher, die man nur noch selektiv einließ und deren Präsenz im Vergleich zu vormodernen Verhältnissen stark reduziert und reglementiert wurde. Um all das schloß sich als letzter Kreis die großstädtische Außenwelt, in der eine Vielzahl von Gefahren lauerte« (303—304). Es mußten zwar vielleicht nicht immer Gefahren sein, die man sich einbildete (das Bedürfnis nach Ungestörtheit wäre alleine schon ein ausreichendes Motiv), aber die Distanzen sind damit überzeugend beschrieben.

Der dritte Teil behandelt unter dem Titel »Die inszenierte Anonymität« zunächst das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit, nicht bloß im Rahmen von Maskenfesten (auf die Heyl dann aber auch eingeht), sondern um die alltägliche Maskierung durch Halb oder Ganzmasken. Solche Maskierungen hatten nicht unbedingt den Zweck, wirklich nicht erkannt zu werden, sondern sollten signalisieren, daß man sozusagen incognito auftreten wolle. Heyl interpretiert dieses Geschehen als Rückzugsverhalten in einen den anderen entzogenen Bereich, auch dann, wenn man sich gerade unter Menschen befand. Daß diese Erklärung nicht recht befriedigt, liegt daran, daß nur Frauen solche Masken trugen (anders als beim Maskenfest, das maskierte Männer wie Frauen besuchten). Hatten Männer nicht dieses Bedürfnis, incognito zu sein? Oder signalisierten sie ihr Bedürfnis, in Ruhe gelassen zu werden, auf andere Weise (was Frauen übrigens allenfalls auch taten, denn es gab auch andere Mittel, sich gegenüber Bekannten zu isolieren)? Überhaupt wäre es hier wirklich wünschenswert, eine Vorstellung zu erhalten, wie häufig dieses Verhalten überhaupt war. Gewiß, es gibt Bilder, auf denen unter den flanierenden Damen und Herren Maskierte zu sehen sind. In Theaterstücken wurden maskierte Protagonistinnen auf die Bühne gebracht. Und es gibt diverse andere Erwähnungen in der Literatur. Dennoch: Kam es mehr oder weniger für jede Frau in Frage, sich gelegentlich einmal zu maskieren? Oder handelte es sich um ein exzentrisches Verhalten einer Minderheit, auffällig genug, um in den Quellen seinen Niederschlag zu finden, aber nicht bedeutsam genug, um weiterreichende Schlüsse auf ein Bedürfnis nach Anonymität und Privatheit zu erlauben?

Anonymität einer anderen Art wurde auch in einigen Zeitschriften angestrebt, der Athenian Gazette, eine Zeitschrift, die anonym eingesandte Fragen zur Beantwortung übernahm, dem Spectator, eine Art Kommunikationsforum, in dem redaktionelle Beiträge, Leserbriefe und persönliche Mitteilungen gemischt und anonym erschienen, und dem Gentleman’s Magazine, ein Medium, in dem alle möglichen Personen anonym oder unter Pseudonym Beiträge, auch poetischer Art, veröffentlichen konnten. Alle diese Dinge sind keine guten Beispiele für die Herausbildung einer Privatsphäre, denn Privatsphäre besteht ja in einem von der Öffentlichkeit getrennten und für diese unzugänglichen Bereich und nicht in der Anonymität bei der Abgabe einer öffentlichen Äußerung.

Der vierte Teil untersucht schließlich Privatheit in Kunst und fiktionalen Texten. Heyl bespricht Gemälde und Zeichnungen, die Personen im Familien- und Freundeskreis zeigen, und versucht dabei, in diesen Konversationsstücken die Bedeutung des Privaten für die Selbstdefinition der Auftraggeber herauszufinden. Die Konversationsstücke hätten, so der Autor, den Auftraggebern die Möglichkeit geboten, ihre Sicht von sich selbst und ihrer Rolle und Stellung in der Welt im Bild darzustellen. Und diese Bilder, die oft genug in der genreartigen Darstellung das Private als wesentlichen Bestandteil der Welt der abgebildeten Personen erkennen lassen, seien damit ein Beleg für die Wichtigkeit, die dieser Aspekt in der fraglichen Zeit gewonnen habe. Daran sind Zweifel angebracht, zumal Bilder dieser Art keine Neuheit darstellten; die niederländische Malerei der ersten Hälfte des 17. und selbst des 16. Jahrhunderts bietet, auch wenn man sich auf bürgerliche Bilder beschränkt und bäuerliche Genreszenen beiseite läßt, genügend Beispiele, die in der Darstellung privater Interieurs, privaten Beisammenseins und so weiter ähnliche Züge aufweisen, und der Vergleich mit anderen Kunstlandschaften legt am ehesten den Schluß nahe, daß bürgerliche Auftraggeber (die in Spanien freilich seltener waren) immer eine Tendenz zu solchen Bildern hatten.

Während Heyl den Bildern Werthaltungen im Sinn einer hervorgehobenen Bedeutung von Privatsphäre in der Identität der Auftraggeber entnimmt, sieht er in den abschließend besprochenen Romanen (Defoes Robinson Crusoe, Richardsons Pamela und Clelands Fanny Hill) nichts derartiges — Privatheit ist hier nur einer von mehreren Lebensbereichen. Hingegen sieht er die Entwicklung des Romans selbst als Teil der Entwicklung von Privatsphäre: Die Romane wurden vor allem von Frauen gelesen, und die Frauen, die dafür in Frage kamen, seien in ihrer sozialen Rolle und selbst räumlichen Mobilität stark eingeschränkt gewesen. Der Roman habe die Möglichkeit geboten, sich ohne solche Beschränkungen in erfundenen Welten zu bewegen und das zu erleben, was die Realität nicht bot. Fazit: »Da er das Private zum zentralen Gegenstand hatte (und immer noch hat), ist es mehr als plausibel, von einem überaus engen Zusammenhang zwischen der Etablierung einer durch materielle Strukturen und Mentalitäten gesicherten Privatsphäre und dem Aufkommen des Romans auszugehen« (526). Diese These ist allerdings ganz und gar nicht plausibel, da literarische Genres auch dann erfolgreich sein können, wenn sie mit den Lebensverhältnissen der Leserschaft überhaupt nichts zu tun haben, wie man zum Beispiel an Kriminalromanen, Science-Fiction-Literatur und vielen anderen Gattungen sieht.

Wie schon festgestellt, kombiniert Heyl für seine Studie Quellen ganz unterschiedlicher Art und in beträchtlicher Fülle: Tagebücher, nicht nur die bekannten Tagebücher von Samuel Pepys und James Boswell, sondern noch eine Reihe weiterer, und Privatbriefe, beides im 17. Jahrhundert in wachsender Menge geschrieben; die Probleme beider Quellengattungen, sowohl durch die Umstände der Entstehung als auch durch Überlieferung und Edition, sind bekannt. Anders als diese Quellen, die Einsichten in individuelle Meinungen, Werthaltungen, Handlungen und so weiter verschaffen sollen, verhält es sich mit normativen Texten wie Anstandsbüchern, die das übliche (und für viele selbstverständliche) Benehmen, jedenfalls aber das gewünschte Benehmen erkennbar machen. Sicherlich noch verbindlicher, wenn auch ebenso stereotyp, sind Sprachführer, die dem Fremden eine adäquate Ausdrucksweise in gewissen Standardsituationen nahebringen sollen. Wieder einen anderen Zugang ermöglichen publizierte Berichte über England, seien es selbständige Reiseberichte, seien es journalistische Texte, jeweils mit den bekannten Problemen der nur partiellen Informiertheit des Berichterstatters, vor allem aber auch der mehr oder weniger bewußten Voreingenommenheit des Schreibers, der ja in der Regel bereits im vorhinein mit bestimmten Vorstellungen von den Zuständen in England ausgestattet war; dies konnte sowohl in unkritisch affirmative Berichte münden, in anderen Fällen freilich auch in die Wahrnehmung von Zuständen, die sich vom Erwarteten unterschieden. Die schwierigste Quelle ist zweifellos die fiktionale Literatur, in der sich der Autor »in vielen Fällen Anteile verläßicher Faktizität« (69) erwartet, insbesondere im Roman, der glaubhafte Geschichten erzählen und in einer Art von »normalem« Ambiente (von Gebäuden, Innenräumen und so weiter) spielen sollte; das ist durchaus plausibel, andererseits kann ein fiktionaler Text gerade auch davon leben, daß das Alltägliche in ihm gebrochen oder transformiert erscheint. Auch für Heyl ist diese Quelle nur in der Konfrontation mit anderen Quellen verwendbar. Mutatis mutandis gilt dies auch für Bilder. Unmittelbarer verwendbar sind demgegenüber die Erkenntnisse aus Bauwerken, städtischen Raumstrukturen und Mobilien; diese Hinterlassenschaften sind zwar wegen Zerstörungen und Umbauten in der originalen Form nur selten erhalten, es gibt aber eine einschlägige dokumentierende Literatur, Stadtpläne et cetera, die durchaus brauchbar sind. Mit all diesen Quellen geht der Autor reflektiert um, und mit der gebotenen Vielfalt gelangt er nicht nur zu einem vielschichtigen Bild, sondern auch zu einem gut zu lesenden Buch.

Welche Antwort gibt der Band nun auf die eingang gestellte Frage nach der Neuheit der Privatsphäre? Überzeugend sind die Belege für eine Veränderung in jenen Teilen, die sich mit der Wohnumgebung und den persönlichen Kontakten in der Öffentlichkeit, mit Bekannten und mit den Personen innerhalb des Hauses befassen. Diese Teile sind äußerst interessant und lesenswert. In den Abschnitten über Anonymität und über die künstlerischen Hervorbringungen neigt der Autor dazu, sein Thema übermäßig auszudehnen und Belege für seine These auch dort zu sehen, wo der Zusammenhang so klar nicht ist. Insgesamt handelt es sich aber trotz solcher Einwände um ein wirklich empfehlenswertes Buch.