Werner Drobesch

Grundherrschaft und Bauer auf dem Weg zur Grundentlastung. Die »Agrarrevolution« in den innerösterreichischen Ländern

Aus Forschung und Kunst 35

 

Klagenfurt
Verlag des Geschichtsvereines für Kärnten
2003
215 S.

 

Habilitationsschrift [2002], Universität Klagenfurt

 

Rezensent: Thomas Hellmuth

Historicum, Herbst 2003, 10—12

Die Habsburgermonarchie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird gerne als »Reich der Immobilität« beschrieben, als fortschrittsfeindlich. Von »Versteinerung« wird gesprochen, von »Stagnation«. Nun ist dieses Bild des Status quo freilich nicht aufrecht zu erhalten. Spätestens seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts setzte auf gesamtstaatlicher Ebene ein überdurchschnittliches Industriewachstum ein,1 wobei die »Agrarrevolution« allgemein als wesentliche Voraussetzung für die Wandlungsprozesse angenommen wird.

Wener Drobesch beschäftigt sich in seiner Habilitationsschrift mit dieser »Agrarrevolution« in den innerösterreichischen Ländern (Steiermark, Kärnten und Krain), wobei er zu Recht davon ausgeht, daß die Rahmenbedigungen für die Modernisierung von Region zu Region verschieden waren. »Um das Tempo und die Richtung des Strukturwandels genauer zu erfassen«, schreibt er, »bedarf es der Ergänzung und Erweiterung der auf den habsburgischen Gesamtstaat bezogenen wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Makroanalysen durch die Mikroanalyse der regionalen Entwicklung« (S. 14). Drobesch liefert daher mit seiner Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte des Habsburgerreiches, der für viele andere Regionen noch ausständig ist.

Zunächst gibt er einen Überblick über die allgemeine ökonomische Entwicklung im österreichischen Vormärz, wobei er den Mythos der Stagnation zerstört. Im Anschluß daran wird die allgemeine Entwicklung auf der regionalen Ebene betrachtet: Er liefert eine topographische Bestimmung des Untersuchungsraumes und beschreibt ausführlich die Verwaltungsgeschichte der Region, wobei er auf den gescheiterten Versuch der Föderalisierung des Kaiserreiches hinweist: Im Jahr 1816 wurde das Köngireich Illyrien geschaffen, das die Gubernien Triest und Laibach umfaßte und die politische Machtstellung Ungarns — freilich vergeblich — einschränken sollte. Die damit verbundene Aufteilung der innerösterreichischen Länder erschwerte vielmehr eine Modernisierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen. Kärnten wurde etwa 1804 dem Gubernium in Graz zugewiesen. 1810 bis 1813 war Villach zusammen mit Oberkärnten Bestandteil der Illyrischen Provinz und somit dem Generalgouvernement in Laibach untergeordnet. Bis 1825 blieb Kärnten dann auf die Steiermark (Klagenfurter Kreis) und Krain (Villacher Kreis) aufgeteilt. 1825 bis 1848 war Kärnten zwar wieder vereint, allerdings Illyrien unterstellt und damit an das wirtschaftliche Zentrum Laibach gebunden. Erst 1849 erlangte Kärnten wieder die Stellung eines eigenständigen Landes.2

Die versuchte Föderalisierung und Bürokratisierung schwächte zwar die Grundlagen der feudalen Gesellschaftsordnung in Innerösterreich, etwa durch die Einführung eines neuen Grundsteuersystems (wofür im Übrigen der Franziszeische Kataster angelegt wurde). Damit wurde der Staatseinfluß auf die lokalen Gewalten verstärkt. Zur Beseitigung der Landstände konnte man sich in Wien aber nicht entschließen. Vielmehr sollten provinzielle Eigenheiten und landständische Traditionen mit dem politischen Kurs vereinbart werden. Die Bemühungen eines mehrschichtigen, aber dennoch einheitlichen Ganzen, das heißt die »Penetration«, wie die zentrale staatliche Bürokratisierung als ein Kennzeichen der Modernisierung bezeichnet wird,3 scheiterten damit.

Im Anschluß an die Verwaltungsgeschichte skizziert Drobesch die gesellschaftliche Entwicklung Innerösterreichs, wobei er in diesem Kapitel die ländliche Gesellschaft im Spiegel der Reiseberichte, die demographische Entwicklung und den Aufstieg des Bürgertums im ländlichen Raum darstellt. Anhand der Reiseberichte zeigt Drobesch die Konstruktion eines säkularisierten Paradieses durch das Bürgertum. Diese Konstruktion beschränkte sich freilich nicht auf Innerösterreich, sondern ist auch für andere Regionen festzustellen. Auf die zahlreichen Arbeiten, die darüber existieren, hätte daher Bezug genommen werden müssen. Drobesch bleibt dem Leser aber die Einordnung in den wissenschaftlichen Kontext schuldig und beschränkt sich weitgehend auf kuriose Zitate, obwohl umfangreiche Literatur über dieses spannende kulturgeschichtliche Thema existiert.4 Allerdings — und das ist ein kleines »Trostpflaster« — liefert er den in der »Wüste der Statistik« dürstenden Lesern ein wenig Wasser, das heißt die im Thema der Habilitation begründeten »trockenen« Ausführungen werden in diesem Teil der Arbeit spannender. Im übrigen verzichtet Drobesch auch im Kapitel über den Aufstieg des Bürgertums im ländlichen Raum, den allgemeinen Forschungsstand5 zu berücksichtigen. Vielmehr hält er sich stark an regionale Literatur, weshalb der Text weitgehend auf der narrativen Ebene bleibt.

Die Ausführungen zur Demographie, die detailreichen Tabellen, Graphiken und Karten, zeigen dagegen die Stärken der Arbeit, die vor allem auf der quantiativen Ebene liegen. Seit 1750 ist in der Hasbsburgermonarchie ein kontinuierliches Bevölkerungswachstum — mit Ausnahme der Zeit während der napoleonischen Kriege — festzustellen. In Innerösterreich kam es allerdings erst relativ spät, um 1860, zu einem Bevölkerungswachstum, womit die Region weit hinter anderen habsburgischen Provinzen zurückblieb. Allerdings verstärkte sich — ein Zeichen von Bewegung und Fortschritt — die interregionale Mobilität beziehungsweise eine Binnenwanderungsbewegung. »Nicht das generative Bevölkerungswachstum, sondern die Migration war der Hauptfaktor für die neue Bevölkerungsstruktur«, schreibt Drobesch (S. 61) und verweist auf das Ineinandergreifen von Binnenwanderung und Verstädterung.

Sehr anschaulich präsentiert Drobesch auch die nur allmählich erfolgten landwirtschaftlichen Neuerungen beziehungsweise das partielle Verharren in althergebrachten Produktionsmethoden, etwa den Wechsel von der Dreifelderwirtschaft zur Fruchtwechselwirtschaft. Weizen und Mais waren Wachstumsprodukte, dagegen ging der Anbau von Hülsen- und Hackfrüchten zurück. Moderne Geräte wurden aber kaum verwendet. Selbst das Getreidemähen mit der Sense wurde bis 1848 nur wenig praktiziert. Landwirtschaftlichen Arbeit blieb weitgehend Handarbeit. Zwar machten manche großen Herrschaften Versuche mit Dresch-, Drill- und Sähmaschinen, die letztlich aber nicht weitergeführt wurden. Wenn zudem jenseits der Selbstversorgung produziert wurde, dann betraf dies vor allem die Holzerzeugung und den Feldfrüchtebereich. Die Rinderzucht kam nur allmählich in Schwung.

Drobesch führt das Festhalten an Traditionen vor allem auf eine Agrarverfassung zurück, die der modernen Auffassung einer liberalen Wirtschaftspolitik widersprach: »Zwei konkurrierende Systeme standen einander gegenüber: das feudale, das seinen ökonomischen und politischen Mittelpunkt im System der Grundherrschaft hatte, und das liberal-kapitalistische mit Individualbesitz und freiem Markt. Der Staat schwankte, ob er das alte System schützen oder das neue fördern sollte.« (S. 179) Aus dieser dichotomischen Perspektive malt Drobesch das Bild einer rückständigen aristokratischen und einer fortschrittlichen bürgerlichen Grundherrschaft. Tatsächlich kamen durch Verschuldung altadeliger Güter viele Grundherrschaften in bürgerliche Hände, die oft nicht allein als Agrarbetrieb, sondern zusätzlich als gewerblich-industrielle Unternehmen geführt wurden. So kaufte etwa Johann Peyeritsch 1830 mit der Herrschaft Gallenberg im Kreis Laibach zugleich ein Braunkohlebergwerk, eine Vitriolfabrik und eine mit Kohle betriebene Glashütte.

Letztlich blieb aber die Grundherrschaft eine Domäne des Adels, der sich zum Teil ebenfalls im gewerblich-industriellen Bereich versuchte. Wenn diese Versuche auch weitgehend erfolglos blieben, muß das Schwarzweißbild, das den innovationsfeindlichen Adel dem fortschrittlichem Bürgertum gegenüberstellt, dennoch hinterfragt werden. Der gezielte Vergleich mit anderen Regionen könnte wohl ein differenzierteres Bild des Strukturwandels bieten. Eine solche Region ist etwa Salzburg,6 das einige interessante Parallelen zu Innerösterreich, aber auch Unterschiede aufweist: Sowohl in Innerösterreich als auch in Salzburg vollzog sich etwa der Niedergang protoindustrieller Betriebe, hinsichtlich der Grundherrschaft bestanden aber deutliche Unterschiede. So fehlte etwa in Salzburg der heimische grundbesitzende Adel, also gerade jener gesellschaftliche Faktor, der laut Drobesch die ökonomische und gesellschaftliche Mobilität in Innerösterreich bremste. Die kaum vorhandene Modernisierung in Salzburg wird jedoch unter anderem mit dem Fehlen des grundbesitzenden Adels beziehungsweise von »Agricultur-Societäten«, in denen wohl auch adeligen Grundherrn engagiert waren, erklärt. In Innerösterreich waren solche Gesellschaften bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts reaktiviert worden. Sie vertraten freilich nicht die Anliegen der Bauern, scheinen aber zumindest erste Schritte bei der Modernisierung der Landwirtschaft gesetzt zu haben.

Drobesch scheint sich daher zu widersprechen, wenn er einerseits mangelnde Innovationsbereitschaft der Grundherrn konstatiert, andererseits aber auf die innovative Rolle der »Agricultur-Societäten« hinweist. »Der staatlichen Aufsicht unterstellt«, schreibt er, »vereinten sich in diesen Gesellschaften alle Kräfte zur Förderung der Landeskultur. Als sachverständige Organe wollten sie die Landesbehörden beraten, die landwirtschaftlichen Betriebe zu effizienterer Bewirtschaftung anspornen und moderne Anbau- wie Zuchtverfahren verbreiten.« (S. 138) Viehausstellungen wurden veranstaltet, mit Preisausschreiben und Prämien sollten ein Ansporn zur Modernisierung der Viehzucht gegeben werden. Außerdem wurden Musterwirtschaften errichtet. Ohne einen Teil der adeligen Grundherrn ist eine solche Agrarreformbewegung wohl nicht denkbar. Freilich waren aber mittelfristig die »Privilegien, die die Grundherrschaft repräsentierte, […] mit der von der ökonomischen Theorie zunehmend geforderten Freiheit […] nicht vereinbar«.7 Das schließt aber letztendlich eine in Ansätzen, gleichsam eine zwischen Tradition und Fortschritt stehende Teilmodernisierung der adeligen grundherrschaftlichen Betriebe nicht unbedingt aus.

In diesem Zusammenhang bietet sich ein bereits 1977 von Ernst Bruckmüller formuliertes alternatives Erklärungsmodell zum Scheitern mancher Reformen an: Eine Agrarreform sollte laut Grundherrn zu ihren Gunsten ausfallen, und diese Überlegung zielte nicht unbedingt auf einen Status quo ab, sondern durchaus auch auf eine partielle Modernisierung. Daher wurde — die Musterhöfe sind ein Beleg dafür — eine Vergrößerung der gutsherrlichen Betriebe angestrebt, die zum Teil sogar eine Verbindung mit gewerblich-industrieller Tätigkeit implizierte. Eine Förderung der grundherrlichen Bauern, denen ohnehin kleinräumige »halbautarke Verhältnisse […] als wesentlich risikofreier« erschienen »als großräumige Marktverflechtungen«,8 war freilich nicht unbedingt im Sinne der Grundherrn. Das Gesetz von 1846, das unter anderem eine freiwillige Ablösung der untertänigen Arbeitsleistungen in beiderseitigen Einvernehmen durch Abtretung von Grund und Boden beinhaltete, kann in diese Richtung hin, das heißt als Mittelweg zwischen Tradition und Modernität, interpretiert werden. Das Grundentlastungsgesetz von 1848/49 ging aber von dieser Möglichkeit wieder ab. Es beharrte auf die Erhaltung der einzelnen Bauernwirtschaften und bevorzugte grundsätzlich den »Verpflichteten im Rahmen der Trennung der Rechte und Pflichten aus den alten Verflechtungen«.9

Die starke Einengung auf den regionalen Raum, der das Schwarzweißbild der innovativen bürgerlichen und der forschrittsfeindlichen adeligen Grundherrn fördert, läßt Drobesch auch eine »Modernisierung ohne Industrialisierung« annehmen: »Nach dem vorliegenden Befund erledigt sich die These von einer Verknüpfung zwischen agrarischer und industrieller Modernisierung. Sicher scheint, daß es sich bei der Teilmodernisierung Innerösterreichs um eine ›Modernisierung ohne Industrialisierung‹ handelt.« (S. 182) Die moderne Enwicklungstheorie nimmt allerdings an, daß sich »Agrarrevolution« und Industrielle Revolution gegenseitig bedingen. Der industrielle Wandel schlägt sich demnach in einer steigenden Nachfrage nach landwirtschaftlichen Güter nieder und steigert damit das landwirtschaftliche Einkommen und die Grundrenten. Dieses erhöhte Einkommen wird wiederum zur Modernisierung der Landwirtschaft verwendet. Zudem kommt es durch die Einbindung der Landwirtschaft in einen größeren Markt zu einer wachsenden Nachfrage nach landwirtschaftlichen Arbeitskräften. Bekanntlich hat sich zwar ein überwiegender Teil der industriellen Arbeiterschaft aus der ländlichen Bevölkerung rekrutiert. Das bedeutet aber noch nicht, daß sich damit die Anzahl der landwirtschaftlichen Beschäftigten reduzierte und sich die Industriearbeiterschaft gleichsam aus »freigesetzten« Arbeitskräfte zusammensetzte.10

Ohne Zweifel hat Drobesch recht, wenn er die industrielle Entwicklung in Innerösterreich als rückständig betrachtet. So begann etwa die Montanindustrie, die in der Steiermark gleichsam das industrielle Monopol besaß, der allgemeinen Entwicklung nachzuhinken. »Das Prinzip der ›schöpferischen Zerstörung‹ kam [wie im Übrigen etwas später auch in Salzburg11, Anm. d. V.] nicht zur Anwendung«, schreibt Drobesch. Und auch in Krain und Kärnten blieb eine Industrialisierung aus. Dennoch gab es offenbar auch in Innerösterreich — Drobesch weist auch immer wieder darauf hin — manche Anzeichen, die eine Verbindung zwischen (freilich allgemeiner) Industrialisierung und landwirtschaftlichem Fortschritt vermuten lassen: Offenbar lohnte es sich allmählich, Bauer zu sein. Der steirische Weizenpreis stieg etwa von 1844 bis 1847 um 88,6 Prozent. Ähnliche Steigerungen gab es auch bei anderen agrarischen Produkten. 1845 herrschte in Kärnten bereits Mangel an Arbeitskräften. Vermehrt wurden daher dauerhaft Dienstboten eingestellt. In Hinblick auf die Verbesserung der Arbeitsproduktivität, vor allem zur Intensivierung des Panzenanbaus, nahm der Pferdebestand zu. Es ist folglich anzunehmen, daß sich die überregionale industrielle Entwicklung zum Teil auf Innerösterreich auswirkte. Zwar kann für das 19. Jahrhundert von keiner Globalisierung im heutigen Sinn gesprochen werden, eine verstärkte Marktintegration ist aber dennoch wahrscheinlich, auch wenn sie aufgrund der prekären wirtschaftlichen Situation in Innerösterreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der allgemeinen Entwicklung stark nachhinkte. Werner Drobesch weist auch darauf hin, daß »zwischen 1790 und 1848 […] die erste Etappe des Umstiegs in eine nach kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Prinzipien organisierte Wirtschaftsverfassung« (S. 180) erfolgte, wobei um 1830 die Anzeichen des Niederganges der feudalen Ökonomie sichtbar wurden.

Der Durchbruch zur gewinnbringenden Bewirtschaftung der Grundherrschaften gelang aber laut Drobesch in Innerösterreich letztlich nicht. Das klingt durchaus plausibel, denn im Vergleich etwa mit Böhmen waren die Dienstboten zu teuer, und auch die Ausstattung mit modernen Geräten war gering. Zudem verhinderte letztlich auch die traditionelle Wirtschaftsverfassung die landwirtschaftliche Modernisierung. Innerösterreich war, so lassen sich Drobeschs Ausführungen zusammenfassen, weniger fortschrittlich als vielmehr ein »Klotz am Bein« der gesamtstaatlichen Modernsierung. Es kam — aus der makrohistorischen Perspektive betrachtet — weder zu einschneidenden Neuerungen in der Industriekultur noch zu wirklich nachhaltigen Innovationen im landwirtschaftlichen Bereich, in dem die »bestehende Agrarverfassung […] gerade jenen Teil der Bauern und der Grundherren, die auf eine Modernisierung drängten« (S. 182), fesselte.

Ob beziehungsweise in welchem Ausmaß die landwirtschaftliche Modernisierung in Innerösterreich stattfand, ist folglich eine Frage der Perspektive. Das ist vermutlich auch der Grund, warum der Eindruck entsteht, daß es Drobesch nicht gelingt, die sehr vielschichtige ökonomische Entwicklung in Innerösterreich gleichsam auf einen Nenner zu bringen. Seine Ausführungen oszillieren zwischen Rückständigkeit und relativer Modenisierung; sie sind gleichsam Spiegelbild der »partiellen Modernisierung«12 in der von ihm untersuchten Region. Es wäre daher empfehlenswert gewesen, stärker lokale Forschungsfelder zu berücksichtigen. Damit hätten unterschiedliche Entwicklungsmuster deutlich gemacht und die »partiellen Modernisierung« genauer erklärt beziehungsweise nachvollziehbar differenziert werden können. Eine Analyse von zwei oder drei Grundherrschaften hätte sich durchaus gelohnt. Vermutlich wird damit aber zuviel eingefordert, zumal vor allem die Quantifizierung ohnehin großen Aufwand verursacht hat und eine ausgedehnte qualitative und mikrohistorische Analyse die Möglichkeiten eines Ein-Mann-Projektes überstiegen hätte.

Überhaupt liegt — wie bereits erwähnt — ein großes Gewicht der Arbeit auf der quantitativen Ebene: Steuerbezirke und Katastralgemeinden, Verwaltungs- und Gerichtszentren sowie die unterschiedlichen Gubernien werden dargestellt, ferner die Bevölkerungsdichte und das Bevölkerungswachstum, die Siedlungszentren sowie Fertilität und Migrationsbewegungen beleuchtet. Die Auswertung qualitativer Quellen bleibt dagegen sehr stark auf die gedruckte Literatur beschränkt. Ein intensiveres Studium der narrativen Quellen hätte etwa den Wandel von Lebenswelten genauer erschließen können. So bietet der franziszeische Katatster neben quantiativen Quellen auch zahlreiche kultur- und sozialgeschichtliche Hinweise.13 Ebenso lassen sich die Seelsorgberichte der einzelnen Pfarren für die sozial- und kulturgeschichtliche Forschung gewinnbringend verwenden. Es sei allerdings darauf hingwiesen, daß die Hauptintention von Drobesch keineswegs eine kulturgeschichtliche Analyse war. Diese erfolgte daher auch nur am Rande, etwa im Zusammenhang mit den Reiseberichten.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß die Ausführungen von Drobesch oftmals ein wenig unzusammenhängend wirken und nicht immer ineinandergreifen. So läßt sich etwa das Kapitel über die Agrarkrise im öffentlich-politischen Diskurs durchaus spannend lesen, es steht aber relativ isoliert von den anderen Teilen der Studie. Ungeachtet der geäußerten Kritikpunkte stellt die Arbeit aber ohne Zweifel einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Agrarrevolution dar, die auf lokaler und regionaler Ebene für den habsburgischen Raum ohnehin nur partiell untersucht worden ist. Ein Bestseller wird das Buch freilich nicht werden. Das liegt aber nicht in den Ergebnissen der engagierten Arbeit, sondern in dem doch eher »trockenen« und schwierigen Thema begründet.

 

 

  1. John Kolmos, Die Habsburgermonarchie als Zollunion. Die Wirtschaftsentwicklung Österreich-Ungarns im 19. Jahrhundert, Wien 1986; David F. Good, Der wirtschaftliche Aufstieg des Habsburgerreiches 1750–1914, Wien u. a. 1986, 48.
  2. Helmut Rumpler, Von Innerösterreich nach Illyrien. Kärntens Wandel von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft, in: Franz Xaver von Salm. Aufklärer — Kardinal — Patriot, Klagenfurt 1993, 154–156; Roman Sandgruber, Ökonomie und Politik. Österreichische Wirtschaftsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Wien 1995, 192.
  3. Ernst Bruckmüller, Landwirtschaftliche Organisationen und gesellschaftliche Modernisierung. Vereine, Genossenschaften und politische Mobilisierung der Landwirtschaft Österreichs vom Vormärz bis 1914, Salzburg 1977, 18, 21—24.
  4. Siehe dazu allgemein: Dieter und Ruth Groh, Weltbild und Naturaneignung. Zur Kulturgeschichte der Natur, Frankfurt 1991; Simon Schama, Landscape and Memory, London 1995, 3—19. Zu Salzburg als regionales Beispiel siehe: Hanns Haas, Die Eroberung der Berge, in: ders./Robert Hoffmann/Kurt Luger (Hg.), Weltbühne und Naturkulisse, Zwei Jahrhundert Salzburg-Tourismus, Salzburg 1994, 29—37. Siehe dazu auch eine im Herbst 2004 erscheinenden Studie über das Salzkammergut: Thomas Hellmuth, Das Salzkammergut, in: Ernst Bruckmüller/Hannes Stekl/Emil Brix (Hg.), Memoria Austriae, Bd. 2, Wien 2004.
  5. Siehe zum Beispiel: Wolfgang Jacobeit, Dorf und dörfiche Bevölkerung Deutschlands im bürgerlichen 19. Jahrhundert, in: Jürgen Kocka, Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, Bd. 2, München 1988, 315—339.
  6. Dazu unter anderem: Hanns Haas, Vormärz, Revolution und Neoabsolutismus, in: Heinz Dopsch/Hans Spatzenegger (Hg.): Geschichte Salzburgs, Bd. II/2, Salzburg 1988, 675—680, 701—712.
  7. Sandgruber, Ökonomie (Anm. 2), 215.
  8. Bruckmüller, Landwirtschaftliche Organisationen (Anm. 3), 24.
  9. Ebenda, 27.
  10. Toni Pierenkemper, Landwirtschaft und industrielle Entwicklung. Zur ökonomischen Bedeutung von Bauernbefreiung, Agrarreform und Agrarrevolution, Stuttgart 1989, 7, 11.
  11. Hanns Haas, Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung, in: Dopsch/Spatzenegger (Hg.), Geschichte Salzburgs (Anm. 6), 938-947.
  12. Dietrich Rüschemeyer, Partielle Modernisierung, in: Wolfgang Zapf (Hg.), Theorien des sozialen Wandels, Köln 21970, 382—396.
  13. Roman Sandgruber, Der Franziszeische Kataster als Quelle für die Wirtschaftsgeschichte und historische Volkskunde, Mitteilungen aus dem Niederösterreichischen Landesarchiv 3 (1979), 16—28.