Joan Blaeu

Atlas Maior of 1665

Einführung und Texte von Peter van der Krogt

Köln u. a.
Taschen
2005
594 S.
€ 154,30

 

Rezensent: Eduard Mairbäurl

Historicum, Frühling 2005, 32—34

 

 

 

 

»Die Kosmografen sind verschiedener Meinung, was den Mittelpunkt der Welt und die Bewegung der Himmelskörper betrifft. Die einen setzen die Erde in den Mittelpunkt der Welt und behaupten, sie sei unbeweglich und die Sonne samt Fixsternen und Planeten würde sich um sie drehen. Für die anderen ist die Sonne der Mittelpunkt der Welt und der ruhende Pol, um den sich die Erde und die anderen Planeten drehen, während die Sphäre der Fixsterne völlig unbeweglich ist. […] Es ist nicht unsere Absicht, hier zu entscheiden, welche dieser Auffassungen mit der Wahrheit übereinstimmt und der natürlichen Ordnung der Welt besser entspricht; dies überlassen wir jenen, die in der Wissenschaft der Himmelsdinge erfahrener sind als wir. Und wenn sich die Erde gemäß der Hypothese des Kopernikus in einem Kreis, dessen Durchmesser zwei Millionen deutsche Meilen beträgt, jährlich um die Sonne bewegt, und wenn die Sphäre der Fixsterne so ausgedehnt wäre, dass der Durchmesser der Erdsphäre in keinem vorstellbaren Verhältnis zu jenem ersteren stünde, so gäbe es dennoch keinen bemerkenswerten Unterschied zwischen dieser Auffassung und der ersten, die die Erde in den Mittelpunkt der Welt setzt, was den scheinbaren Auf- und Untergang der Himmelskörper, den Wechsel von Tag und Nacht und andere damit zusammenhängende Dinge betrifft. Da jedoch die Hypothese, die Erde sei unbeweglich, allgemein mehr Wahrscheinlichkeit besitzt und zudem leichter zu verstehen ist, richten wir uns in unserer Einführung nach ihr, ohne deshalb für den Augenblick die anderen Auffassungen zu berücksichtigen.«

Soweit der Amsterdamer Verleger Joan Blaeu in seinem einführenden Text über Geographie, der am Anfang des hier vorzustellenden Werks abgedruckt ist. Die Österreichische Nationalbibliothek besitzt ein Exemplar eines Atlas, der im Jahr 1665 im Verlag Joan Blaeus fertiggestellt worden ist. Das Werk ist ein Höhepunkt barocker Kartographie, in einer grandiosen Neuedition sind die Karten mit Kommentaren und Einführung bei Benedikt Taschen erschienen.

Da bei diesem Band das äußere Erscheinungsbild eine so große Rolle spielt, sei zuerst darauf eingegangen. Er kommt im übergroßen Format (29 mal 44 Zentimeter) daher, ist auf schwerem Papier gedruckt und wiegt über sechs Kilogramm. Der Großteil des Platzes geht für die Karten auf, dazu kommen noch Übersetzungen der Kartentitel und Kommentare. Viele Karten gehen über die Doppelseite, eine ganze Reihe von Tafeln sind aber auf herausklappbaren Bögen im Format 55 mal 84 untergebracht. Der Band ist buchbinderisch sorgfältig gemacht, mit Fälzelband im Vorsatzblatt und breiten Lesebändern. Eine in jeder Hinsicht erfreuliche Erscheinung mit einem Preis, der in Anbetracht der Ausstattung nicht als überhöht bezeichnet werden kann.

Der Preis des Originals war deutlich höher, wie Peter van der Krogt, Kartographiehistoriker an der Universität Utrecht, in seiner lesenswerten Einführung über die Geschichte der niederländischen Atlanten und ihrer Verleger im 17. Jahrhundert darlegt. Der Atlas maior war das teuerste Buch des späten 17. Jahrhunderts; er kostete in colorierter Fassung etwa 450 Gulden, in nicht colorierter 350 Gulden, das war annähernd soviel wie die Jahresmiete für ein Buchgeschäft in Amsterdam. In einer Zeit und einer Stadt mit einer reichhaltigen Produktion von repräsentativen Atlanten repräsentierte das Werk Joan Blaeus den Gipfel.

Dennoch ist der Atlas maior ein Torso geblieben. In der Planung Blaeus sollte das Werk drei Teile umfassen, in denen Land, See und Himmel beschrieben werden sollten. Der Seeatlas und der Himmelsatlas erschienen nie. Der Landatlas wurde vollendet, er umfaßt in fünf Teilen den Nordpol, Europa, Afrika, Asien und Amerika. Von den elf Bänden, auf die das Material in der lateinischen Ausgabe aufgeteilt wurde, entfällt je einer auf Asien und Amerika und weniger als einer auf den Nordpol und auf Afrika. Westeuropa ist ziemlich gleichmäßig berücksichtigt, mit je einem Band für England, Schottland/Irland, Frankreich/Schweiz, Deutschland und Italien, ein eigener Band wurde aus naheliegenden Gründen für die Niederlande reserviert; Osteuropa ist schwach vertreten.

Die vorliegende Ausgabe für ein internationales Publikum bringt sämtliche Texte in englischer, deutscher und französischer Sprache und nimmt damit eine Tradition des 17. Jahrhunderts auf. Joan Blaeu und seine Konkurrenten nämlich veröffentlichten ihre Atlanten in mehreren Sprachen (allerdings jeweils in getrennten Editionen). Der Atlas maior erschien auf Latein, Französisch, Niederländisch und Spanisch, die Auflage aller vier Editionen zusammen betrug ungefähr 1500 Stück.

Daß Blaeus Atlas maior nicht entsprechend der ursprünglichen Konzeption verwirklicht wurde, ist für die Kartographie des späten 16. und des 17. Jahrhunderts nicht ganz ungewöhnlich. Atlanten als Ausgaben von Kartensammlungen in Buchform gab es überhaupt erst, seit der Kunsthändler und Kartograph Abraham Ortelius zufällig durch die besonderen Bedürfnisse eines bestimmten Kunden auf die Idee gebracht wurde, kleinformatige Karten in einen Band zusammenzufassen. Unter dem Titel Theatrum orbis terrarum veröffentlichte Ortelius dann 1570 ein kommerziell erfolgreiches Werk dieses Zuschnitts. Unvollendet blieb hingegen Gerhard Mercators Atlas, der Planung nach eine umfassende Kosmographie in fünf Teilen, in der die Schöpfung der Welt, Himmel, Länder, Meere, Genealogie, politische Geschichte und Chronologie behandelt werden sollten. Publiziert wurden von Mercator die Chronologie, die Geographie des Ptolemäus und Teile der modernen Geographie. Mercators Interesse ging über die kommerziellen Aspekte hinaus und richtete sich auf die Lösung geographischer und kartographischer Probleme und die kritische Sichtung der zur Verfügung stehenden Daten, was auch ein Grund für das langsame Erscheinen seiner Arbeiten war. Langfristig blieben Mercators Arbeiten der Maßstab für die niederländischen Kartographen. Seine Karten wurden von den Verlegern Cornelis und Jodocus Hondius gekauft und in eine neue Edition, den sogenannten Mercator-Hondius-Atlas, eingebracht, der bis 1630 praktisch eine Monopolstellung innehatte. Er hatte gut 150 Karten und wurde in verschiedenen Editionen, im Kleinformat und in verschiedenen Sprachen immer wieder aufgelegt.

Im Jahr 1630 begann Willem Blaeu mit dem Verlegen von Atlanten, und es begann eine jahrzehntelang andauernde Konkurrenz zwischen Blaeu und später seinem Sohn auf der einen Seite und Henricus Hondius und dessen Schwager Johannes Janssonius auf der anderen. Als erstes kaufte Blaeu die Karten, das heißt die Kupferplatten, aus dem Nachlaß von Jodocus Hondius jun. (einem Bruder von Henricus), der anscheinend dabei gewesen war, ein eigenes, neues Verlagsunternehmen zu begründen. Der erste Atlas Blaeus bestand zu mehr als der Hälfte aus diesen Karten. Hondius und Janssonius machten sich sogleich daran, die Karten des Konkurrenten zu kopieren und in verschiedener Form auf den Markt zu bringen. In der folgenden Zeit wurden die Atlanten der beiden Unternehmen immer umfangreicher und polyglotter. Blaeus Atlas von 1630 hatte sechzig Karten, sein ergänzendes Werk zu Ortelius und Mercator hundert, und 1634/35 brachte er ein Werk mit über zweihundert Karten heraus, das in einer lateinischen, einer französischen, einer deutschen und einer niederländischen Ausgabe erschien. Hondius und Janssenius veröffentlichten ebenfalls Ergänzungen zu ihrem alten Atlas und ein dreiteiliges neues Werk mit 320 Karten, ebenfalls in vier Sprachen.

Nach dem Tod Willem Blaeus und dem Rückzug von Henricus Hondius waren Willems Sohn Joan Blaeu und Johannes Janssonius die Konkurrenten. Sie erweiterten ihre Atlanten im Lauf der Zeit um immer neue Teile, und 1658 boten sie jeweils einen sechsteiligen Atlas, in beiden Fällen als Atlas novus bezeichnet, mit 403 (Blaeu) beziehungsweise 450 Karten an. Janssonius ergänzte das Werk 1658 durch einen Geschichtsatlas und machte sich an die Arbeit, ein Gesamtwerk in der Art von Mercators Plänen, nämlich einen Atlas für Länder, Meere, Städte und Himmel zu erstellen. Dieser Novus Atlas absolutissimus war eine Kombination aus Karten des Atlas novus, Karten von Nicolaas Visscher, je nach Bedarf auch des Himmelsatlas Harmonia macrocosmica von Andreas Cellarius und einer achtbändigen Edition von fünfhundert Stadtplänen. Blaeus Antwort war der Atlas maior, der zuerst 1662 erschien, in der hier reproduzierten Ausgabe 1665. Diese Ausgabe stammt aus dem Bestand des Amsterdamer Anwalts Laurens van der Hem, der auf der Basis des Atlas maior eine große Kartensammlung mit etwa 3000 Blättern in 46 Teilen anlegte. Dieses Werk kaufte 1730 Prinz Eugen von Savoyen, nach dessen Tod ging es in den Besitz von Karl VI. über und gelangte so in die Hofbibliothek.

Der Atlas maior ist mit seinen gut sechshundert Karten wesentlich umfangreicher als der Atlas novus. Diese Karten wurden nicht alle neu erstellt, sondern sind vielfach Neuauflagen älterer Karten. Überhaupt erfolgte die Herstellung dieser Werke zu einem beträchtlichen Teil durch Nutzung von Beständen, die zugekauft wurden oder im eigenen Archiv verfügbar waren. Dies galt schon für den Mercator-Hondius-Atlas, ebenso für Willem Blaeus erstes Werk, und es setzte sich bei Großprojekten wie dem Novus Atlas absolutissimus und dem Atlas maior fort. Man richtete sich dabei ganz nach den praktischen Erfordernissen und gestaltete die Editionen entsprechend. Die Ausgaben des Atlas maior in Latein, Französisch, Niederländisch und Spanisch wichen voneinander nicht nur sprachlich ab, da man an Atlas-Projekte in der jeweiligen Sprache anknüpfte und die früheren Pläne adaptierte. Auch die Texte waren nicht gleich. Beispielsweise hatte die französische Ausgabe mehr Text, im Fall des Frankreich-Bandes ein Vielfaches der lateinischen Ausgabe. Für die niederländische Ausgabe wurden Blätter der kurz zuvor erschienenen niederländischen Ausgabe des Atlas novus verwendet, für die spanische Edition, bei der es Produktionsschwierigkeiten gab, bediente man sich ebenfalls aus anderen Quellen.

Nicht näher erwähnt wurde bisher der Text der Atlanten, von dem in der vorliegenden Ausgabe, von vereinzelten Zitaten und Joans Blaeus Vorwort abgesehen, nichts enthalten ist. Die Karten wurden in der Regel von umfangreichen Texten begleitet. Im Fall des Atlas maior 2600 Seiten in der niederländischen Ausgabe, 3400 in der lateinischen, 3800 in der spanischen und 4200 in der französischen. Dies bedeutet, daß das Gesamtwerk etwa in der französischen Ausgabe über 5000 Seiten hatte und die Herstellung enorme Anforderungen an den Buchdrucker Blaeu stellte (Blaeu produzierte das Werk in seinen eigenen Druckereien). Van der Krogt resümiert den Zeitaufwand für die Herstellung der Ausgaben in den vier Sprachen: der Druck der Karten erforderte etwa 95.000 Arbeitstunden, der Satz des Textes ungefähr 100.000 Stunden und der Druck des Textes 36.600 Stunden; dazu kommt der Aufwand für das Stechen der Kupferplatten. Es wurde der Text der gesamten Auflage auf einmal gedruckt, anschließend wurde der Satz demontiert; den gedruckten Text legte man auf Lager. Die Platten für die Karten waren ebenfalls auf Lager, nach Bedarf wurden die Karten auf die Rückseite des Textes gedruckt und das Werk fertiggestellt und ausgeliefert. Dieser Teil der Herstellung erfolgte während der fünfzehn Jahre, in denen der Atlas maior produziert wurde. Es verteilte sich also der Aufwand zum Teil auf einen längeren Zeitraum, ein beträchtlicher Teil mußte allerdings sofort gemacht werden. Nicht zu unterschätzen sind auch die Lagerkosten, die der Verleger hatte; immerhin wurden 1,8 Millionen Bogen bedruckt.

Der Atlas maior war also ein in künstlerischer wie logistischer Hinsicht beeindruckendes Projekt. Und der vorliegende Band mit den Karten aus Joan Blaeus Werk ist eine würdige Neuedition.