Kurt Bednar
The Irony of Fate. Wilson and Austria
Wien
LIT
2026
208 S.
€ 29,90
Rezensent: Lothar Höbelt
August 2026

Woodrow Wilson auf dem 100.000-Dollar-Schein von 1934. Bild: Wikipedia, Historicum
Kurt Bednars inzwischen bereits dritte Publikation zum Thema USA und Ende der Donaumonarchie1 ist ein nahezu unlesbares Büchlein, das es dennoch sehr wohl wert ist, angezeigt und durchgeblättert zu werden: Auf fast jeder Seite findet der Leser ein Zitat, das es sich zu merken lohnt, eine Formulierung, die hängen bleibt, ein mehr oder weniger voreiliges Urteil und zuweilen auch einen simplen Fehler. Die Genesis des Buches wird man sich so vorstellen dürfen: Nach jeder größeren Studie bleiben ein paar Fragen zurück, denen man weiter nachgehen möchte; man stößt auf dieses und jenes Quellenmaterial, das ursprünglich noch zu entlegen schien. Derlei Postscripta eigenen sich für Miszellen, ein zusammenhängender Text wird daraus so schnell nicht, auch wenn das Inhaltsverzeichnis, hübsch gegliedert in »facts«, »laws« and »myths«, derlei Illusionen weckt.
Man erfährt so manches über die oft recht kuriosen Figuren, die sich im und um den Beraterstab Wilsons tummelten und dort mit ihren Kenntnissen und Kontakten in Mitteleuropa zu punkten versuchten. Ein unbestreitbares Verdienst Bednars ist es auch, eine ganze Reihe von wenig bekannten amerikanischen Dissertationen zu seinem Thema ausgewertet zu haben. Die Schattenseite dieser Spurensuche ist: Die eigentliche Literatur zum Thema Friedenskonferenz (ebenso wie zur altösterreichischen Innenpolitik) wird konsequent ausgeblendet. Die Darstellung fokussiert ausschließlich auf das Verhältnis Wilsons zu Österreich und endet mit einer Schuldzuweisung an die Adresse des Präsidenten, der — aus dieser Perspektive nahezu erwartungsgemäß — für die Auflösung der Monarchie verantwortlich gemacht wird. (Notabene: Wie Bednar glaubwürdig versichert, liegt ihm an der Monarchie wenig, an der Fortsetzung des Vielvölkerstaates viel.)
Was diese These so wenig überzeugend macht, ist nicht bloß das argumentum ad hominem. Wer Propagandaerklärungen zu Kriegszeiten (wie zum Beispiel die 14 Punkte) als einklagbare Versprechen betrachtet, ist vom Vorwurf der (gespielten?) Naivität nicht ganz freizusprechen. Schließlich waren die USA keineswegs die ersten und einzigen »Brandstifter« (»arsonists«), die unzufriedene Minderheiten aufstachelten, ohne damit immer allzu lautere Absichten zu verbinden. Cosi fan tutte: Das gleiche ließe sich auch von Österreich-Ungarn selbst behaupten, das bereits im ersten Kriegsjahr eine polnische und ukrainische Legion aufstellte und albanische Terroristen gegen Serbien in Marsch setzte, vom Heiligen Krieg einmal ganz abgesehen, den sein osmanischer Verbündeter gegen die westlichen Kolonialmächte ausrief (bloß Italien fiel bis zum Mai 1915 noch unter eine Dreibund-Amnestie).
Vor allem aber: Bednar wischt bei diversen Gelegenheiten allzu leicht den Einwand beiseite, daß es eben nicht die »peacemaker« in Paris waren, die eine Auflösung der Monarchie dekretierten, sondern daß sie damit bloß ein fait accompli vor Ort ratifizierten. Wesentlich war nicht das eine oder andere »Versprechen« der Entente, sondern ihr militärischer Sieg, der eine Perspektive zur Schaffung unabhängiger Nachfolgestaaten eröffnete, die es vor 1918 nicht gegeben hatte. Was im Oktober 1918 noch zu klären blieb, war bloß die Verteilung der Beute, nicht bloß zwischen den Nationalitäten, sondern auch innerhalb ihrer politischen Eliten, zwischen »Heimatfront« und »Exil«, im tschechischen Fall zwischen Kramář und den Sozialdemokraten auf der einen, Masaryk und Beneš auf der anderen Seite. Die Debatte über die relativen Meriten beider (und der Tschechoslowakischen Legion in Sibirien als drittem Faktor) ist in Tschechien nie verstummt.
Bednar mag recht haben, daß eine eingehende Studie des ersten Treffens zwischen Kramář und Beneš in Genf in den letzten Oktobertagen 1918 da noch weitere Aufschlüsse liefern könnte — doch wohl kaum in dem Sinne, daß hier eine letzte Gelegenheit verpaßt wurde, die Monarchie unter anderem Namen und mit anderen Strukturen weiterexistieren zu lassen. Eines der hübschen Zitate ist eine Bemerkung Wilsons bei der Überfahrt nach Europa, Masaryk habe ihm gar nicht erzählt, wie viele Deutsche tatsächlich in Böhmen lebten (132). Doch gerade dieser Punkt verweist auf das größte Manko dieser Argumentation. Denn es war ja auch nicht Wilson, der Beneš die historischen Grenzen der böhmischen Länder versprochen hatte, sondern Frankreich, das an diesen Fragen sehr viel unmittelbarer interessiert war.
Bednar weist zu Recht darauf hin, das rasche Kriegsende habe die USA eines großen Teils ihres potenziellen Einflusses beraubt. Man war nicht mehr existenziell auf sie angewiesen (im Gegenteil: die USA verwandelten sich in die impotenten Gläubiger, die vergebens auf der Bezahlung der Kriegsschulden beharrten). Aber er zieht daraus nicht die entsprechenden Schlußfolgerungen, daß es den USA jetzt eben auch nicht mehr so leicht möglich war, eigene Vorstellungen gegenüber ihren Verbündeten durchzusetzen, selbst wenn sie gewollt hätten. Er schreibt: »The conference lost interest in the fate of the Danube Monarchy« (130). Nun, zweifellos schien Deutschland wichtiger. Aber wichtig war auch Rußland — und spätestens da zeigte sich, daß es weniger am Willen, sondern an den Möglichkeiten der vermeintlich allmächtigen »Großen Drei« mangelte, dort ihre Vorstellungen umzusetzen. Das gilt mutatis mutandis auch für den Bereich der Habsburgermonarchie. Man konnte über Fiume und Völkermarkt streiten, nicht länger über die fundamentalen Weichenstellungen, die zur Etablierung der »Nachfolgestaaten« führten.
Kurt Bednar, Der Papierkrieg zwischen Washington und Wien 1917/18, Innsbruck 2017; ders., Transatlantic Relations and the Great War: Austria-Hungary and the United States, New York 2022.