Girolamo Arnaldi

Italien und seine Invasoren. Vom Ende des Römischen Reiches bis heute

 

Berlin
Wagenbach
2005
208 S.
€ 24,20

 

Rezensentin: Karin Neubaur

Historicum, Herbst 2006, 30

 

 

 

 

Der italienische Historiker Girolamo Arnaldi, der in Rom und Bologna gelehrt hat, ist in erster Linie Mediävist mit besonderem Schwerpunkt auf dem Hochmittelalter, hat aber ein kurzes Buch zur italienischen Geschichte vorgelegt, das die Zeit von der Spätantike bis zur Gegenwart zum Thema hat.

Invasoren, so der Autor im Vorwort, sind in diesem Buch nicht unbedingt Eroberer im engeren Sinn, sondern oft einfach nur Fremde. Und manchmal, müßte man ergänzen, sind sie nicht einmal das: Die »piemontesizzazione« des Südens nach der italienischen Einigung im 19. Jahrhundert wurde zwar von manchen Bewohnern des Südens als Akt der Eroberung betrachtet, spielte sich aber innerhalb Italiens ab. Auch wenn, so der Hinweis Arnaldis, der Titel des Bandes von einem gleichnamigen 1880 erschienenen Buch des englischen Historikers Thomas Hodgkin entlehnt ist, in dem es um Hunnen, Vandalen und das römische Reich geht, bleibt das polemische Potential der Formulierung erhalten: Der Band schließt mit dem Blick auf die heutigen Neuankömmlinge in Schlauchbooten und Schiffen, die aber doch wohl in keinem üblichen Wortgebrauch abseits politischer Demagogie als Invasoren bezeichnet werden können. In diesem Zusammenhang bezieht sich der Autor dann auf Marc Bloch, der die stetige kulturelle und soziale Entwicklung Westeuropas seit dem Hochmittelalter auf den Umstand zurückgeführt hat, daß um die Jahrtausendwende die Invasionen außereuropäischer Völker aufgehört haben. Arnaldis Schluß des Buches: »Bloch konnte natürlich nicht vorausahnen, daß der Westen um die Wende des zweiten zum dritten Jahrtausend zwar bis jetzt nicht von ›äußeren Angreifern‹ bedroht wird, aber doch einen stetig wachsenen Zustrom fremder Menschen erleben würde. Auf der anderen Seite war Bloch der Ansicht, daß sich die neue abendländische Kultur einige Jahrhunderte vor den ›letzten Invasionen‹ in dem heißen Schmelztiegel der germanischen Völkerwanderungen herausgebildet habe, die er also im Gegensatz zu den letzten Invasionen für positiv hielt. Ist die Hoffnung übertrieben, daß sich im Schmelztiegel der bisher recht friedlichen Invasionen, denen wir etwas hilflos beiwohnen, eine ganz neue abendländische Kultur herausbilden wird? Bis jetzt allerdings ist kein Bindemittel erkennbar, wie es damals das Christentum war. Ausgehend von ihrem Ursprung in den östlichen Provinzen verbreitete sich die neue Religion schrittweise in den Westen des römischen Reiches und brachte auf dem soliden gemeinsamen Grund diesr Kultur im Rahmen des Möglichen und Vermittelbaren dessen Vermächtnis zur Geltung, so daß sich der Zusammenprall der Neuankömmlinge mit der alten, längst siechen Welt abmilderte, der ansonsten katastrophale Folgen hätte haben können« (182—183). Vielleicht wäre es heute angebracht, weniger auf den römisch-germanischen Synkretismus der Völkerwanderungszeit zu blicken, sondern auf die Integrations- und Assimilationskräfte in den europäischen Ablegern in Übersee, die bisher alle Einwanderungswellen überstanden haben, ohne ihre Eigenart aufzugeben.

Von welchen Invasoren schreibt Arnaldi? Es handelt sich um eine bunte Mischung von geschlossenen Völkerschaften, Fürsten, einzelnen oder gruppenweise auftretenden Fremden, modernen oder fast modernen Staaten und so weiter — germanische Völker, normannische Fürsten, mittelalterliche Studenten, amerikanische Truppen, Bootsflüchtlinge. Die Etappen sind die Völkerwanderungszeit und Odoaker, Ostgoten und Byzanz, Langobarden, Karl der Große, das normannische Sizilien, von Friedrich II. zur Sizilianischen Vesper, von Karl VIII. zu Karl V., das spanische Mailand und Neapel, die österreichische Toskana, Goethe, Napoleon und das österreichische Lombardo-Venetien, schließlich die Einigung und Piemontesifizierung. Dies alles wird im Plauderton erzählt, überwiegend allgemeinverständlich, wenn auch nicht immer (so wird ein Leser, der nicht bereits vorinformiert ist, bei der auf Seite 39 gebotenen Erklärung Mühe haben, im Zusammenhang mit dem Dreikapitelstreit das Verhältnis zwischen der byzantinischen Position, den Schismatikern und den langobardischen Arianern zu durchschauen).

So unterhaltsam der Band auch ist, eine wichtige Frage bleibt meist offen oder wird jedenfalls nicht explizit beantwortet: Welche Spuren hinterließen die Invasoren in Italien? Viele dieser Invasoren scheinen gar nicht die Kraft gehabt zu haben, Italien oder die Teile, in denen sie sich aufhielten, tiefgreifend umzuformen. Sie blieben zu kurz, wie die Westgoten, oder sie waren zu wenig zahlreich, wie die Langobarden, die angeblich zweihunderttausend Personen umfaßten, die in ein immer noch dicht besiedeltes Gebiet einwanderten. Gewiß ließen auch solche Fremden etwas zurück, die Ostgoten zum Beispiel ein paar gotische Wörter, nicht einmal nur unwichtige, sondern etwa auch smaltire (verdauen) oder — heute weniger wichtig geworden — stia (Hühnerkäfig). Nach der Lektüre hat man den Eindruck, daß sich an der Geschichte Italiens außer ein paar chronikalischen Ereignissen nicht viel geändert hätte, wenn diese Völker den Boden Italiens nicht betreten hätten. Aber warum sind sie dann wichtig?

Und dann die Fürsten. Wenn man davon absieht, daß in vielen Fällen von Wechseln zu einer nichtitalienischen Dynastie der Begriff Invasion unangebracht ist, weil solche Wechsel eben oft ohne einen Eroberungszug vor sich gingen, stellt sich die Frage, inwieweit dadurch ein »fremdes« Element nach Italien kam. Manche fremden Dynastien paßten sich hervorragend an die Verhältnisse im Land an. Immerhin, ausnahmsweise kommt die Frage dann doch zur Sprache, nämlich bei der normannischen Herrschaft in Sizilien. Arnaldi zitiert Benedetto Croce, der sich Gedanken darüber machte, warum das normannische Süditalien seinerzeit als mustergültig regiert und vorbildhaft angesehen wurde, während Süditalien unter den Bourbonen ein völlig heruntergekommener Staat war. Croces Antwort war, daß die normannische Herrschaft eine Fremdherrschaft gewesen sei, die keine dauerhaften Folgen hinterlassen konnte, weil es nie zu einer Verschmelzung zwischen Eroberern und Eroberten gekommen sei. Croces Geschichte des Königreichs Neapel erschien aber 1925, und mittlerweile wird die Angelegenheit anders gesehen: Auch die Normannen waren zu wenige, um den Staat allein zu regieren, die normannische Herrschaft war daher eine Herrschaft, bei der in Verwaltung und Regierung Einheimische tätig waren und bei der die Normannen in der einheimischen Bevölkerung aufgingen. Immerhin, hier hat man eine Antwort: Die Normannen brachten ihre Institutionen mit und führten sie in einer Gesellschaft ein, die immer noch sizilianisch war — eine echte Veränderung durch Invasoren (der spätere Niedergang Siziliens bleibt unerklärt).

Aber das ist eine Ausnahme, im allgemeinen erfährt man über solche Zusammenhänge nicht viel. Auch zur österreichischen Herrschaft im lombardo-venetianischen Königreich wird nur kurz und klischeehaft angemerkt, daß sie im Vergleich mit anderen Regierungen eher besser war, im übrigen beschränkt sich Arnaldi auf Anekdotisches zur Hinrichtung von Revolutionären oder zur Schlacht von Solferino.

Also eine etwas unverbindliche Unterhaltung.