Thomas Adam
Die Gondelsheimer Rebellion von 1730. Ein Bauernaufstand und seine Folgen
Die Gondelsheimer Geschichte, Sonderband 5
Heidelberg, Ubstadt-Weiher, Basel
verlag regionalkultur
2005
166 S.
€18,30
Rezensentin: Barbara Mrus
Historicum, Sommer—Herbst 2008, 67—68
Die heute über dreitausend Einwohner zählende Gemeinde Gondelsheim liegt im Kraichgau, dem Gebiet zwischen Karlsruhe, Pforzheim, Heilbronn und Heidelberg, und ist ungefähr zwanzig Kilometer von Karlsruhe entfernt. Um 1700 hatte der Ort etwa vierhundert Einwohner, nachdem er sich relativ rasch von den Folgen des Dreißigjährigen Kriegs erholt hatte, in dem die Bevölkerungsverluste beträchtlich gewesen waren (zu Kriegsende war Gondelsheim auf etwa achtzig Einwohner geschrumpft). Es war ein Weinbaugebiet, kombiniert mit Ackerbau und Viehzucht, die Betriebe waren klein, mit höchstens zehn Hektar Ackerfläche
Gondelsheim verfügt heute über einen aktiven Heimatverein, der eine Buchreihe zur Geschichte der Gemeinde herausgibt. Zwei Bände über die Geschichte des kirchlichen Lebens in Gondelsheim stammen aus der Feder von Markus Rupp, studierter Historiker und mittlerweile der Bürgermeister der Gemeinde. Ein Sonderband beschäftigt sich mit den unerhörten Ereignissen im Gondelsheim des Jahres 1730, der Vorgeschichte und den Folgen.
Der Autor Thomas Adam, der verschiedentlich über Aufstände in der frühen Neuzeit publiziert hat, hat im Jahr 2006 auch eine Ortsgeschichte von Gondelsheim herausgegeben.
Der Aufstand von 1730 reiht sich ein in eine Reihe von kleineren und größeren lokalen oder regionalen Konflikten zwischen bäuerlicher Bevölkerung und Obrigkeit, wie sie nach dem großen Bauernkrieg da und dort stattgefunden haben. Der Fall Gondelsheim liegt zwar, geht man nach der Zahl der involvierten Personen und nach dem Ausmaß der eingesetzten Gewalt, am unteren Ende der Skala, aber er zeigt exemplarisch die Komplexität solcher Ereignisse, denn sowohl die Anlässe für den Konflikt als auch die dabei verfolgten Interessen und die Rollenverteilung ergeben ein gar nicht einfaches Bild.
Der Dimension nach war es vordergründig eine lokale Angelegenheit: Der Aufstand selbst spielte sich in Gondelsheim selbst ab, das in nächster Nähe gelegene Bretten war lediglich ein Rückzugsgebiet und allenfalls Schauplatz behördlicher Intervention. Die Mehrheit der dörflichen Bevölkerung beteiligte sich mehr oder weniger intensiv am Aufstand, aber eine nicht zu übersehende Minderheit war dagegen. Dies führte im Zug der Eskalation der Ereignisse auch zu gewalttätigen Übergriffen innerhalb der Gemeinde.
Gegen wen richtete sich der Aufstand? Ziel war der örtliche Grundherr, der Freiherr Johann Reinhard von Mentzingen. Anlässe gab es mehrere: Bereits in den zwanziger Jahren hatte sich ein chronischer Konflikt entwickelt, weil der Grundherr mehr als sechzig Hektar Forstflächen, die der Gemeinde gehörten, für seine Eigenwirtschaft in Anspruch genommen hatte. 1730 wurde schließlich seine Forderung, die Gemeinde solle sich an den Kosten eines Gefängnisbaus beteiligen und Frondienste dafür leisten, zum Auslöser des Aufstands.
Entscheidend für die folgenden Ereignisse, die dem Konflikt eine mehr als lokale Dimension geben, war der Umstand, daß der Grundherr reichsunmittelbar war und so wie die Reichsritter generell unter dem Druck der großen Territorialfürsten stand. In seinem Fall war der Hauptgegner der Kurfürst Karl III. Philipp von der Pfalz, der sich von der rebellierenden Gondelsheimer Bevölkerung willig zum Verbündeten machen ließ. Dies schloß eine beträchtliche Konflikt- und Gewaltbereitschaft des Kurfürsten ein, der sich nicht scheute, gegen den mit der Sache befaßten Reichshofrat, gegen eine vom Kaiser eingesetzte Kommission und gegen die schließlich vom Kaiser eingesetzten Soldaten vorzugehen. Die Prämisse des Kurfürsten war, daß der Freiherr von Mentzingen ein pfälzischer Vasall sei, Gondelsheim pfälzisch und das Tätigwerden des Kaisers einen Übergriff in seine landesherrlichen Rechte bedeute. Auch der frühere Mitbesitzer der Herrschaft Mentzingen, der Onkel Johann Reinhards, habe im heimlichen Bewußtsein alter Rechte, die der Kurpfalz in Gondelsheim zukämen, gelebt — so jedenfalls verstanden ihn die Gondelsheimer.
Abgesehen von der schieren Bereitschaft zu politischen Übergriffen gegenüber einem kleinen Territorialherrn war all dies auch wegen der teils wirklich nicht allzu klaren Rechtslage möglich. Dazu kam die ohnehin gegebene Bereitschaft, vermeintliche Rechte mit exzessiven Mitteln zu verfolgen, also eben nicht nur den gerichtlichen Weg zu gehen, sondern schnell exekutive Maßnahmen einzuleiten (dies zeigte sich schon in den Jahren vor 1730, als ein kurpfälzischer Untertan, der in Gondelsheim einen Hof besaß, Anlaß zu einem langen Rechtsstreit war, der von wiederholten gewaltsamen Handlungen begleitet wurde). Die Rechtslage war auch deshalb schwer durchschaubar, weil in wichtigen Punkten früher bestandene Rechte — etwa das eigene Ortsgericht in Gondelsheim — längere Zeit nicht ausgeübt worden waren und je nach Rechtsmeinung für erloschen oder weiterhin aufrecht erklärt werden konnten. Konfliktträchtig waren die kleinräumigen Geltungsbereiche konkurrierender Rechte, die zur Folge hatten, daß schon kleine Ortsveränderungen Probleme bereiten konnten: Wenn die Geleitstraße kurpfälzisch war, die daran liegenden Flächen aber zur mentzingischen Herrschaft gehörten, konnten bei behördlichen Vollzugshandlungen leicht fremde Rechte verletzt werden — oder zumindest solches behauptet werden.
Zu den vor diesem Hintergrund ablaufenden Ereignissen des Jahres 1730 gehörten gewalttätige Übergriffe mit schwerer Körperverletzung, Raub und Sachbeschädigung, die Ausübung von Rechten des Grundherrn durch die Gemeinde in eigenem Namen, eine Konfrontation von kaiserlichem und kurpfälzischem Militär und vieles mehr. Gondelsheim war für einige Zeit der Kontrolle des Grundherrn entzogen. Die Gewaltausübung war zwar beträchtlich, gewisse Grenzen gab es aber doch — ein kurpfälzischer Grenadier wurde von den kaiserlichen Soldaten erschossen, und in einigen Fällen überlebten Personen wohl eher durch viel Glück, zu einem Blutbad kam es aber nicht. Auch die Strafen für die renitenten Bauern waren nicht übermäßig hart: Kirchenstrafen wurden verhängt, etliche Personen wanderten für ein paar Jahre ins Gefängnis, einige wurden aus Gondelsheim verbannt.
Wie ging die Geschichte aus? Der Konflikt zwischen dem Kurfürsten und den Herren von Mentzingen (Johann Reinhard war 1735 gestorben) wurde 1737 durch einen Kompromiß gelöst, der die Rechte der Kurpfalz (eine begrenzte Gerichtsherrschaft, Zuzugsrechte kurpfälzischer Untertanen) ausweitete oder, je nach Lesart, im Sinn der Rechtslage des frühen 17. Jahrhunderts teilweise wiederherstellte. Frieden zwischen den aufsässigen Untertanen und dem Grundherrn brachte dies nicht, dieser Konflikt schwelte weiter. Erst 1774 verglichen sich die Gemeinde und der Grundherr wegen der von diesem angemaßten Gemeindeflächen, die Mentzingen durften nun einen Teil behalten. Es war ein Kompromiß, aber er war für die Gemeinde schmerzhaft: Nachdem 1787 das Gut Gondelsheim an Baden verkauft worden war, versuchte die Gemeinde, nun doch alle Flächen wieder zurückzubekommen, und scheiterte schließlich 1802 endgültig. Auch innerhalb der Gemeinde blieben die Gräben noch lange offen – die Integration der loyalen Untertanen in die dörfliche Gemeinschaft war schwierig, noch in den vierziger Jahren versuchte eine neuerlich tätige kaiserliche Kommission, die Lage durch die Verbannung einiger Hauptakteure der aufständischen Partei zu entspannen.
Dieser Bericht ist mehr als eine lokalgeschichtliche Kuriosität. In einer detaillierten Beschreibung, die sich aber in den Einzelheiten nicht verliert, macht er die Zusammenhänge zwischen lokalem Geschehen, landesfürstlicher Politik und Reichspolitik ganz greifbar und verständlich. Darüber hinaus ist der Band sehr gut geschrieben und liest sich (in diesem Fall ist das Wort angebracht) geradezu spannend. Sehr empfehlenswert.